Besagter Artikel aus „Liguri Info“ Nr.7, Aug.2012:

15.11.2013 admin ITALIEN-Hintergrundinfo

Und die ganzen Krisen dabei vergessen? Das geht hier in Italien ja gar nicht,
denn rund die Hälfte der Leute ist ernstlich dadurch geschädigt, sei es durch Arbeitsplatzverlust oder Lohnkürzung, durch Einnahmeneinbrüche bei den vielen Kleinselbständigen, durch Sparmaßnahmen im Sozial- und Bildungsbereich oder bestimmte Schnitte bei Rentenleistungen. Ein Drittel all jener 8,4 Mio EU-Arbeitslosen, die bereits aufgegeben haben und schon gar nicht mehr auf Arbeitssuche gehen, lebt in Italien, darunter viele Junge und Frauen, die werweißwie überleben. Immer mehr Familien müssen sehen, wie sie mit unter 800 € über die Runden kommen. Hat man schon kein Glück, kommt auch noch allgemeines Pech dazu, wie jeder Fußballer wohl weiß: Erdbeben, Tourismusebbe, Inflation, Minus-Rating und noch mehr Steuerlast… Dabei ist Italien keineswegs billiger als etwa Deutschland. „La Crisi“ ist hier ein existenzielles Problem (natürlich nur für die Schlechterverdienenden). Im Land der dichtend denkenden Besserwessis und aufgekanzlert aufpräsidierten Nochbesserossis wird Italiens Krise freilich anders wahrgenommen, vorgegeben vom beliebten LeitBILD, dass die Anderen allesamt doof und selber schuld sind, kulturbedingt.
Im Wesentlichen wird das dummdreiste Griechenschema nun mediterran ausgeweitet, eine Art Entmündigungsschirm, unter den sich jetzt auch Spanien oder Italien stellen darf. Die Versatzstücke sind immer die gleichen, nur anders bemalt und verteilt: Über die Verhältnisse lebend, zuviel öffentlicher Dienst, zuviel Sozialkram, zuwenig Arbeitsmoral, zu hohe Löhne, Wissensrückstand, Ineffizienz, Dummheit, Faulheit, Pfründe, Nepotismus und Korruption. Ein paar Muster aus dem schon für jenseits des Mittelmeers gern genommenen Südländerklischée sind dann aber doch im Koffer geblieben, z.B. das mit den zu vielen Kindern, die die immer kriegen, so dass am Ende alle verhungern oder sich mit deutschen Waffen gegenseitig umnieten. Wir werden hier kaum durchanalysieren können, ob die Krise nun eine Italiens, der Italiener/innen, der Banken, des Finanzwesens oder gar des Kapitalismus ist und wie das mit der Produktion chauvinistischer Ideologeme zusammenspielt. Immerhin erscheint klar, dass es um „systemwichtige“ Banken- und Gläubigerrettungen geht und damit doch das System der Großen im Ganzen und weniger die Italiener-Griechen-Afrikaner schuld an ihrer jeweiligen Misere sind.
Einige Anregungen dürfen es aber schon sein. Und da nehmen wir jetzt mal in aller Kürze das Ding mit der KORRUPTION her, das denen da unten vom deutschen Sauberherrn so selbstverständlich angeheftet wird. Wie in Deutschland auch, gibt es Korruption ebenso in Italien, also etwa: Bestechungen, Schmiergelder, externe Einflussnahmen auf politische Entscheidungen, unterlassene oder verschleppte Strafverfahren, Steuerhinterziehungen, Wirtschaftskriminalität und Beihilfe oder Vertuschung durch Amtsträger, die sich sogar gelegentlich selbst ganz ungezwungen bevorteilen oder bereichern. Wie in Deutschland auch ist ein dabei Ertappter dann doch besser schnell weg vom öffentlichen Fenster. So hat Italien den altersgrößenstarrsinnigen Schmutzfinger Berlusconi abgesägt und auch den unsäglichen Saubermann Bossi mit dreckigen Unterhosen im Fettnapf paralysiert. Umgekehrt gibt es nicht einen der o.g. Punkte, für den sich kein deutsches Beispiel aus der allerjüngsten Vergangenheit zitieren ließe. Das ist derart offenkundig, dass frau schon psychopathologische Ursachen für die dennoch unisono so einseitig verzerrte Wahrnehmung italienischer Korruption in Deutschland annehmen muss.
Indem er den politischen Betrieb gründlich und ausführlich als Big Business durchleuchtet, weist Mathew D.Rose, einer der letzten Vertreter des investigativen Journalismus, für Deutschland eine spezifische und überaus raffinierte Institutionalisierung der Korruption nach [siehe im Detail den Literaturtip am Ende, hier: im Newsletter-Archiv], die aus dem etablierten Parteiensystem im Effekt eine milliardenschwere politische Dienstleistungsbranche gemacht hat, in der Lobbyismus, Parteienfinanzierung, Sponsoring und ein unfassbarer Korpsgeist innerhalb der politischen Klasse die Eckpfeiler bilden. In aller Unschuld darf da der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag z.B. die Lobbyismus genannte Variante politisch-wirtschaftlicher Kumpanei- und Seilschaftskorruption schönreden: „Lobbyismus ist im Prinzip nichts Schlechtes. Jede Institution darf sich an einen Abgeordneten wenden. Wenn das Anliegen berechtigt ist, folgt man dem, wenn nicht, läßt man es sein“ (Kauder kürzlich im Interview mit Deutschlandradio Kultur). Wie genau solche Berechtigungen gemessen werden und ihre Follower erzielen, kann man bei Rose nachlesen. Was heißt also schon „Korruption“, aus deutschen Mündern? Etwas fleißiger vor der eigenen Türe zu kehren und die erhebliche Krisenmitverantwortung deutscher Banken und Regenten dabei nicht zu unterschlagen – ist jedenfalls das Gegenteil.


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