Karneval in Nizza – Bildinterpretation frei nach Pelzig

12.5.2014 admin ITALIEN-Hintergrundinfo

„Bilder sagen mehr als 1000 Worte“ ist einer der zahlreichen Dummsprüche für Hirntote, die sich mit solchen und anderen Unsinnigkeiten wie „Kindermund tut Wahrheit kund“, „in vino veritas“ oder „Ausnahmen, die Regeln bestätigen“ als Philosophen aufspielen. Tatsächlich schwächt jede Ausnahme die zugehörige Regel statt sie zu bestätigen und was kläglich Besoffene oder vorlaute Kinder daherplappern sind nicht Wahrheiten oder auch nur irgend etwas von inhaltlichem Belang, sondern rauschinduziert verkorkste Gefühlsausbrüche bzw. trübe Echos ihrer kinderstüblichen -meist väterlichen- Meinungsführer. Dass Bilder mehr als 1000 Worte sagten, ist ebenso hirnrissig – es sei denn, wir gingen vom unterirdischen Gebrabbel konsumverblödeter Zombies oder den seichten Klingeltönen im Polit- und Marktsprech aus: DA sagen 1000 Worte in der Tat noch weniger als Null und das ist ja nun recht leicht zu toppen.
Französisch-Ligurien: Karneval in Nizza 2014
_________Also: BILDINTERPRETATION! Hier zu sehen ist die Skizze eines Motivwagens für den
Nizzaer Faschingsumzug*, der 2014 mit D-land als Ehrengast aufmarschierte. Die Wiege Garibaldis und Partnerstadt Nürnbergs, die auch den nächstgelegenen internationalen Flughafen zu unsrem Posto TMM beherbergt, gilt als regionale Karnevalshochburg und zelebriert das Fest gut 2 Wochen lang mit sonnigen Paraden, Blumenschlachten, Tanz, Musik und Trallala. Im Bild des städtischen Motivwagens „Angelas Euro-Sauerkraut“ findet sich das appetitliche Zusammenwirken innerhalb Europas thematisiert. Die Bildmitte wird erfüllt vom freundlichen blonden Dirndl, umschmückt von nationalen Wahrzeichen wie Kuckucksuhr und Bierkrug. Der deutsche Michel guckt keck, aber nur von unten und in Gesellschaft lustig engergegürteter Sparschweinchen in die Welt, damit nebenbei die gendermäßige Avantgarde-Rolle Deutschlands in Europa symbolisierend. Das Motiv ungetrübter Freude wird auch vom deutschen Leitkulturpärchen am linken Bildrand aufgenommen, die Fülle des reichlich gedeckten europäischen Tisches ist offenkundig so überbordend, dass alle Beteiligten der dominanten deutschen Bildhälfte satt und fröhlich sind.
Bei genauer Betrachtung umschließt die deutsche Bildhälfte dann den europäischen Teller vollumfänglich mit Messer, Gabel, Michel und Schweinchen, so dass das aufgetischte Sauerkraut wie eine Schlachtplatte zu wirken beginnt. Und dann die armen Würstchen darauf! Italienische Edelsalami, spanischer Serrano, portugiesische Chouriço und griechische Loukániko unter deutschem Sauerkraut mit Wurst und Schinken illustrieren den weltoffenen Gaumen und die vorbildliche Geschmackstoleranz deutscher Ess- und Einverleibungskultur, in der auch so dürre, zähe und zahnige Ingredenzien wie diese Südländer noch optimal zur spezifischen Geltung kommen. Deutschland als Ehrengast beim Nizzaer Karneval 2014, gebührend abgefeiert in seiner fortschrittlichen Herrlichkeit – aber wo hat sich der französische Gastgeber versteckt? Hinter dem Michel vielleicht, wo er noch vom Teller gefallene Fleischkrümel sucht? Oder sollte er gar schon selber das Weinglas gegen den Bierkrug getauscht haben? Und am 25.Mai ist Europawahl, auch das noch. (*Bildquelle: Skizze von H.Moreau, abgedruckt in der RCZ vom Feb.2014, S.7)


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