Gutenachtgeschichten, Welt- und Literaturgeschichten

2.10.2016 admin LITERATUR-Tips aus der Natur

Im vorletzten Newsletter (Mai 2016) wurde es schon angekündigt: Wer sich näher für das Werden unserer Literaturtips aus eben diesen vierteljährlichen Newsletters interessiert oder in Details dazu gehen will, findet Aufklärung im nächsten LiguriBlog-Eintrag, also hier:
Gutenachtgeschichten zwischen Bergen und Meer, Dachsen und Wildschweinen,
Siebenschläfern und Waldkäuzen, Weltgeschichte und Literatur und Alledem…

Eine der wiederkehrendsten Fragen an uns (d.i. Giorgio und Silvia und zusammen sind wir Grüne Matrix, klingt erstmal komisch… ist aber so) lautet: „Und was macht ihr dann abends?“ Fernsehgucken jedenfalls nicht und groß „ausgehen“ auch eher weniger. Sonnenauf- und -untergang strukturiert unser Tagwerk und die „Reproduktion“ vom radikal-rustikalen Arbeitsalltag besteht v.a. im genussvollen Abendessen, Schreib- und Bürokram, eMails, Recherchen, Planungen, Ideenaustausch, Zeitungen, manchmal (und neuerdings immer) auch Spielen oder beschauliche Spätprogramme mit Kräuterzupfen, Flaschen etikettieren – und ja: Wir lesen auch Bücher und besprechen sie sogar.
Da hätten wir aktuell z.B. den Bundesnetzagentur-Bestseller „Blackout: Morgen ist es zu spät“ von M.ELSBERG, einen zahnlos billigen Mankell-Abklatsch, wesletzteren „Firewall“ das Thema vom computer-viral herbeigeführten System-Blackout durch Cyber-Warriors im Namen der Gerechtigkeit für den globalen Süden nämlich schon 1998 aufs Spannendste durchgearbeitet hat. Flach und langweilig, vorhersehbar in jeder Richtung und bei aller wohlmeinenden Kritik so teutotypisch eurozentrisch dagegen der biedere Versuch des Werbeberaters und Kreativdirektors, ganz abgesehen von eben nicht -wie Waschzettel und WissenschaftsBILD so lobhudlerisch behaupten- „sehr gut recherchierten“ technologischen Fragwürdigkeiten. Am Ende sind es die westlichen Geheimdienste, die ihre Welt doch noch retten, die Bösen fassen und die Guten deren Karrieren, Verpaarungen und Legaldemonstratiönchen überlassen.
Was da im deutschsprachigen Schreibraum derzeit alles auf der in letzter Zeit ebenso kompetent wie intelligent von D.Winslow freigefahrenen Erfolgsschiene entlangstilisiert, geht bald auf keine Kuhhaut mehr. Schnelle Schnitte, multipel wechselnde Perspektiven, eine Vielzahl verwobener Erzählstränge und waghalsiger Wendungen, oberflächlich zusammengehalten allein durch eine hastig erscheinende Zeittaktung – das erfordert, wenn’s nicht peinlich scheitern soll, über die Formalitäten hinaus doch etwas mehr z.B. tiefgründige Raffinesse und literarische Meisterschaft. M.Lüders hat da mit „NSA, Never Say Anything“ ein besseres „Wissensbuch des Jahres“ in Thrillerform abgeliefert, falls jemand nun eine lesenswerte Alternative sucht. Und S.Koenig mit „Tod im Kanzleramt“ ein anders, aber nicht minder packendes Szenario für 2019; sachbuchsachlich und dennoch mit Thrill schließlich „Robotokratie: Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell“ von T.Wagner;
M.KRÖGER, sehr geschätzte Autorin der rundum gelungenen Krimis „Cut!“ und „Kyai“ hat mit ihrem immerhin originellen Versuch „Havarie“ hier leider ebenfalls ins Klo gegriffen. „Das Mittelmeer wird zum Fokus globaler Konflikte. Krögers Roman verwebt virtuos verschiedene Spannungslinien zu einem dichten Geflecht von ungeheurer Komplexität“ – klingt nichtmal in Rezensionen gut. Mit ihrem Mittelmeer, 4 Schiffen und 11 Wirklichkeiten hat sie sich eher verhoben, „eingefroren sind“ ihre Figuren daher nicht in etwelchen „mythischen Stunden“, die die Welt auf irgendeine Probe stellten – sondern in einem überambitionierten Gerüst, was auf Kosten ihrer Tiefen geht. Den Unstimmigkeitsvogel schießt Kröger mit ihrem „Gurkha Girl“ ab, das auch noch Lalita heißt und flacher als ein Comic-Weibchen aus Marvels Wunderwelten durch die Story schrillert. Allerdings sei ihr, ähnlich wie früher schon G.Enders, der wir zu ihrem „Darm mit Charme“ als Bewerbungsschreiben für eine Karriere im Science-Tainment ja auch alles Glück für eine eigene TV-Show wünschten, der mit Minutenzählung angezielte Verfilmungserfolg ebenfalls gegönnt. Diesen Beiden gebricht es wenigstens und auf je eigene Weisen an jener eurozentrischen Borniertheit und elsbergischen Belehrsamkeit, die uns politologisch aufgeblasenee Staatsschreibe so plump als große Literatur verkaufen will. Und das ist schonmal etwas.
Es darf da jedoch lieber mehr sein vom… ollen History-Schinken. Im Unterschied zur „Havarie“ ist „Der Fluch der Druidin“ von B.JAECKEL kein „Roman zur Stunde“, der gravitätisch abgefeiert wird, ohne die behauptete Substanz tatsächlich zu liefern. Ihr historischer Roman kommt gar nicht gravitätisch daher, welterklärend oder als der neueste Schrei; sondern grundsolide auf dem breiten Fundament einer akademischen Ausbildung in Ur- und Frühgeschichte ruhend und von dort mit hinreichend Witz und Schreibtalent als schöne und plastische, gelegentlich spannende Schmonzette zur Zeit des Kimbern- und Teutonenzugs vor über 2100 Jahren. Sicher löst auch die tapfere Frühgeschichtlerin das Problem eines jeden historischen Romans nicht, dass die Figuren alleweil so sprechen, als ob sie im 20. oder schon 21.Jahrhundert auf deutsch großgeworden wären, was stellenweise richtig komisch wird. Z.B. die Ehe- und Familiendialoge im Norden oder in „Alte Stadt“, auch das Geplänkel der entführten Heldin… die neunmalklugen Vergewaltigungsplaudereien ziehen einem allerdings die Schuhe aus; zentrale Punkte des Plots sind auch schon viel zu früh gegen den Wind zu riechen (wie etwa die Herkunft Nandos). Dennoch ist das Ganze so anschaulich, interessant und tiefenscharf im historischen Kontext und in landschaftlicher Stimmigkeit auf die Leinwand geworfen, dass wir nicht kleinlich sein sollten. Einen Schritt oder zwei zurückgetreten – und wir können ein prächtiges Völkerbegegnungsgemälde mit weiblichen Hauptfiguren genießen. Und sportlich bleiben: Wer die Deutschen als Commissario Brunetti mag, kann sich auch mit Jaeckels Kimbern und Kelten vergnügen.
Wie ein historischer Stoff literarisch so zu gestalten ist, dass der resultierende Roman rechtens in den Reigen sogar der Weltliteratur eintreten kann, zeigt S.NADOLNY mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Vom ersten Satz („John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langam, daß er keinen Ball fangen konnte“) bis zum letzten Bild in der ‚Starvation Cove‘ genannten Bucht („Wer nicht weiß, was Zeit ist, versteht kein Bild, und dieses auch nicht“) stimmt jedes Wort und nur wenige davon benötigt der Autor, um alle Nase lang in kurzen Arrangements eine Vielzahl großer und kleiner Erlebnis-, Gefühls-, Denk-, Sinn-, Macht- und Ohnmachtswelten treffsicher aufleben zu lassen. Es ist literarisch die reinste Perlenschnur, die der promovierte Historiker hier am Leben und Wirken des vor knapp 170 Jahren verendeten Seewegesuchers und Arktisforschers entlang aufreiht: Runde 350 Seiten, von denen jede einzelne mehr enthält als die jeweils besten der im Vergleich besprochenen Bücher zusammen. Nehmen wir z.B den flachbrüstigen Bombast eines Elsberg, kommt uns sogleich N.Coppages schöner Satz zur Schock-Rock-Show der frühen ‚Alice Cooper‘ in den Sinn: was für einen Aufwand (an Guillotinen, Babypuppen, Kunstblut, Rauchbomben, Weltenbrand…) eine Band heutzutage doch auffahren müsse, um so Furore zu machen, wie das „Elvis einst mit einem einfachen Hüftschwung“ gelang. Einmal geht’s z.B. um ‚die Deutschen‘, da sagt eine der Romanfiguren, der und jener sei „ja nun wirklich ein Deutscher! Überall in der Welt sieht man sie stehen und darüber nachgrübeln, warum sie sich nicht bewegen können wie die anderen. Und meist versuchen sie zu beweisen, daß das nur in ihrer Klugheit begründet ist, und fangen an, die Menschheit zu belehren!“
1980 hat Nadolny mit dem Kapitel ‚Kopenhagen 1801‘ im Handstreich ganz zurecht den wohl anspruchsvollsten deutschsprachigen Literaturpreis gewonnen, der nämlich -nur zum Beispiel- als öffentlicher Vorlese-Contest aufgezogen wird: den Ingeborg-Bachmann-Preis. Mit den Dotationen sollen die Preisträger/innen zur Fertigstellung oder Ausarbeitung einer größeren Publikation aus ihrem vorgetragenen Kleinod heraus angefeuert werden. Auch die neueste Bachmann-Preisträgerin, S.D.Otoo hat verlauten lassen, sie „träume davon, dass aus dem Text ein Roman wird, und jetzt habe ich die Möglichkeit, dafür mehr Zeit zu investieren.“ 25000 € genau gesagt… Der Literatur-Tip im kommenden Newsletter (der Nr.25 vom November) verweist übrigens exakt auf die seit 2006 in Belin lebende „Black British mother, activist, author and editor“(Selbstauskunft im WWW) und ihren prämierten Text über ein weltseeliges Ei, das in die urdeutsche Frühstücksroutine der alten Gröttrups einbricht. Dieser ist per eMail einfach, kostenlos und unverbindlich mit „Her mit dem Newsletter!“ im Betreff anfragbar: liguria@wwwebworks.net
Resultate:
ELSBERG, Blackout, Wien 2012 – sofort weiterverkaufen.
KRÖGER, Havarie, Hamburg 2015 – ebenfalls weiterverkaufen.
JAECKEL, Fluch der Druidin, München 2009 – vielleicht später verkaufen.
NADOLNY, Entdeckung der Langsamkeit, München 1983 – niemals verkaufen.


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