Von 75 Jahren Resistenza, partisanischen Fahrradkurierinnen und eventkonsumverblödeten Stromradlern

29.5.2018 admin ITALIEN-HintergrundinfoNewsletter Technix IMPRESSUM

FISCHIA IL VENTO: Aufrechte Haltung in bösem Wind
Einen besonderen Schwerpunkt dieses Jahres, zu dem wir wie letztens schon verlautbart immer wieder paar Specials produzieren werden, bildet der 75.Geburtstag der Resistenza, die wohlfeil anderslautenden Unkenrufen rechter Kochfroschvisagen zum Trotz weiterhin ihren verdienten Platz in Geschichte, Gegenwart und Gesellschaft Italiens behauptet. Auch in unserer Gegend haben das zahllose Feste zum Befreiungsgedenktag am 25.April wieder unterstrichen, dem historischen Datum nicht der offiziellen Wehrmachtkapitulation in Italien (die erfolgte 4 Tage später, die Kämpfe dauerten ortsweise jedoch noch bis weit in den Mai), sondern des von den antifaschistischen Widerstandsverbänden herbeigeführten massiven Volksaufstands mit ihren Siegeszügen, als die Partisan/innen Norditaliens aus den Bergen in die Städte strömten, Torino, Genova, Milano vorneweg. Den als Deutschen verkleidet schweizwärts abhauenden Duce erwischten die Garibaldini dabei nahe Como, das bei diesen die Hauptlast der Kämpfe tragenden Rotbesternten längst vorliegende Todesurteil wurde ohne Sentimentalitäten am 28.April vollstreckt und die Leiche im Triumphzug durch Milano mitgeführt, damit auch alle vom Ende des Verhassten erfahren und davon, dass die Guten selbst gewinnen können. Zum Vergleich: In Dolfland ist der 8.Mai kein Feiertag und ihren Führer haben die Deutschen auch nicht selber erledigt, sondern ihm noch einen aufgeblasenen Abtritt durch Freitod mit Rührfaktor in letztmöglicher Minute gestattet. Eine tatsächliche, etwa aufstandsbreite Verhasstheit gab es nie und das mit dem Ende war auch nicht so klar, sondern eher der Anfang von Verdrängung, Mystifizierung und seilschaftlichem Neuaufbau.
In Italien hingegen konnte nicht einmal die straußähnlich faschistoide Deserinnerungspolitik Berlusconis die spürbare Präsenz des Widerstands kleinkriegen, obwohl das einer der intensivsten und in Details oft erfolgreichen Kampagnen dieses Proto-Trumps war, der auf deutsch idiotischerweise bloß als lustgreiser Bungabunga-Clown oder korrupter Polit-Tycoon fehlerinnert wird. Das kleine Resistenza-Museum hier in Carpasio existiert z.B. trotz aller Kürzungen von Förderungsmitteln, Steuervorteilen und institutionellen Sonderrechten im Partisanengedenkwesen immer noch. Und große Widerstandsbewegungen der Gegenwart wie die gegen das EU-geförderte Mammutprojekt des irrwitzigen Hochgeschwindigkeitszugs TAV von Lyon nach Torino stellen sich explizit in die partisanische Tradition: Heute und immer, „Ora e sempre: Resistenza“ lautet ihr Schlachtruf.
In der Provincia Imperia, zu der wir gehören und die sowenig wie Baiardo in Ceriana bislang in der Provincia Savona aufgelöst wurde, erblickte die Resistenza im September vor 75 Jahren das Licht der Welt – freilich nicht ohne Vorgeschichten und Kontexte, die den Rahmen eines Newsletters darstellerisch jedoch sprengen (da wäre eine unserer kompetent geführten Mehrtagestouren auf Partisanenspuren schon besser geeignet). Die ersten Kasernen wurden in Garessio und Pieve di Teco überfallen und ausgeräumt, weil die Partisanen für den nahenden Winter in den Bergen dickere Kleidung, Decken und Schuhe brauchten, Waffen, Munition oder auch Verpflegung sowieso. Der erste Gefallene war Walter Berio in Barcheto, einem Vorort Oneglias, bei einem Zufallszusammenstoß mit den Nazis. Das erste ‚richtige‘ Gefecht trug sich in den Olivenhügeln von Montegrazie zu, wo die Nazis gewaltsam Vieh und Lebensmittel einsammelten. Nicht viele sprechen hier deutsch, aber EIN Wort kennen bis heute so ziemlich alle auf dem Land: Kaputt. „Raus, raus alle, sonst kaputt!“ war der gebellte Befehl der Deutschen von Beginn an, wenn sie die Leute aus ihren Häusern, Höfen und Almhütten jagten, um z.B. solche Requirierungen durchzuführen. Diesmal gerieten sie selber unter Beschuss, nämlich durch die Einheit des ersten Partisanenan-führers Felice Cascione, woraufhin auch Leute vom Dorf mit ihren Flinten und Musketen dazukamen und die eben noch von den Deutschen Rausgejagten eifrig beim Nachladen halfen. Der Septembertag ging an Casciones Leute, aber im Winter war dieser schon im MG-Feuer umgemäht, eine tragische Geschichte über zuviel Großmut und Gnädigkeit, vielleicht mal am Lagerfeuer auf einer Langwanderung zu erzählen. Alle Partisanengeschichte ist ländlich, die Geschichte politisierter Landeier, die von sympathisierenden Landeiern mindestens respektiert und oft unterstützt wurden. Und wer mehr darüber wissen will, bucht am Besten gleich einen von inzwischen bereits 4 verschiedenen Trekkings dazu: im Jubiläumsjahr für alle Teilnehmenden mit einem besonderen Mitnehm-Präsent, das uns 2 sich auf dem Gelände in einer Mauerhöhle während einer faschistischen Säuberungsaktion versteckt Habende daließen.
LA BICICLETTA PARTIGIANA statt Trethilfe zum Radlerglück
Alle Partisanengeschichte ist aber auch weiblich und eine der Effizienz basalsten Equipments im großen Clash mit hochgerüsteten Maschinerien, deshalb heißt sie ja auch ‚kleiner Krieg‘, Guerilla eben. Da wird mit Jagdgewehren geschossen statt mit MGs, draußen im wilden Dickicht gegessen und geschlafen statt in warmen Kantinen oder Kasernen und statt in Jeeps, Fliegern oder gepanzert läuft die Fortbewegung bis zum Umfallen auf Schusters Rappen oder auch dem Fahrrad. Simona Colonna hat mit „La bicicletta partigiana“[1] ein bewegend schönes Lied zu Ehren all der tapferen Kundschafterinnen herausgebracht, das auf EurovisionSongContests keine Rolle spielt, aber wie Casciones „Fischia il vento“ die Herzen der für die bessere Sache Kämpfenden weitet und mit einer unkaputtbar zähen Zuversicht erfüllt. Es ist stellvertretend Margherita „Meghi“ Mo, der „staffetta delle Langhe libere“ mit ihrem Drahtesel gewidmet, die uns direkt zum zweiten Jahresschwerpunkt radelt: dem Radfahren, das ja schon im vorigen Newsletter einen fetten Artikel bekam. „Lei pedala lei pedala“ lautet das Mantra des Colonna-Songs, geradelt wird durch unentwegtes Treten der Pedale und nicht durch Einschalten einer elektrischen Trittunterstützung; dort beginnt das Motorradfahren, das tendenziell doch lieber auf den Straßen bleibt. Und was die modeschicke Gattung ‚Mountainbikes mit Hilfsmotor‘ betrifft: Nur weil die weniger Lärm, Gestank und Staub aufwirbeln, wenn sie durch Berge und Wälder brettern, verdienen sie noch keine bessere Haltungsnote als die Motocrossisti. Auf die Haltung kommt’s halt an beim Wandern, auch dem fahrradgestützten, das richtig stets einer „Kultur des Gehens und Sehens im Alltag“ verpflichtet ist.
Im Alpenvereinsheft „Panorama“(2/18), das hier schon öfter mit griffigen Sätzen guter Autoren (wie A.Dick, M.Roeper, G.Fitzthum oder dem eben angeführten A.Klemmer) zur grassierenden schnellschnäppischen Eventblödigkeit im alpinen Naturtourismus zitiert wurde, hat es jetzt ein T.Brönner fertiggebracht, seine 8-Tage-Tour „Piemont und Ligurien auf Militärwegen“ 6 Seiten lang als „bewegende Fahrt mit dem E-Mountainbike vom Valle Varaita bis ans Mittelmeer“ zu verbraten, ohne einmal auf diesen 320 partisanengeschichtsträchtigen Pistenkilometern (die vorwiegend freilich in nazifaschistischer Hand waren) solche Kontexte auch nur andeutungsweise aufzunehmen. Überhaupt sind über „Mit Trethilfe zum Radlerglück“ hinausreichende Informationen und Hintergründe so dürftig wie der Titel selbst. Das gilt ebenso hinsichtlich der passierten Natur und Landschaft: „Hier eine Gruppe Murmeltiere, dort zwei Steinböcke – es gibt immer was zu sehen“ – „Ein Gipfel wie Tolkiens Schicksalsberg“ – „Ein Foto hier, ein Foto da: Wir erreichen erst gegen halb sieben die Ligurische Grenzkammstraße“ – mehr haben die mit den Stützrädern nicht drauf.
Der Brönner-Report im Schnelldurchlauf, 8 Tage in 8 Gedankenstrichen: „Die Wahl der richtigen Ausrüstung glich jener Szene in den James-Bond-Filmen, in denen der Agent von Q seine neuen Spielzeuge bekommt. – Wie schön, dass wir gleich die Akkus laden können. Nachdem wir anfangs noch im Halbstundentakt die Anzeige der Akkus beäugt haben, fahren wir nun einfach drauflos. – Das Profil der breiten Reifen rüttelt über die Piste. Ununterbrochen bumpern die Taschen an die Gepackträger. Wir umkurven Pfützen, so groß wie ein Kleinwagen. – Wir jagen die verbliebene Energie aus den Akkus. – Was für eine Etappe! Akkus laden, waschen, essen. – Dann haben wir es geschafft. Moni und Vroni klatschen ab. – Wir bekommen ein eigenes Zimmer. Aber was ist das? Keine Steckdosen. Wir platzieren unsere Mehrfachstecker im Gang…als wir satt zurückkommen, sind wir perplex: Andere Gäste haben ihre Handys bei uns eingesteckt. – Wie im Formationsflug jagen wir zu Tal. Ich die Beute, er hinterher. Meine Finger lauern über den Bremsgriffen…Nach einer der Spitzkehren stoppen wir die Bikes und warten auf unsere Frauen. – Acht Tage biken in den Westalpen: die Haut gebräunt, die Waden verkratzt, der Kopf voller Bilder. Mir fallen die Pisten und verblockten Wege ein, dazu das Panorama und die Stille.“ Viel ist das nicht. Bombastisch flach geradezu, das Radlerglück mit Trethilfe, hohl und oberflächlich – auch dort, wo scheinbar kritische Fragen aufgeworfen werden: „Wie sieht es aus, wenn alle auf einmal ihre Akkus laden? Bricht dann auf der Hütte das Stromnetz zusammen? Werden Wirte“, so die brennendste Sorge, „E-Biker abweisen?“ oder fordern sie, wie die Herbergsmutter „auf dem Rifugio Monte Grai“ angesichts des Kabelsalats „eine Stromgebühr [Frechheit], die sie am Ende aber dann doch nicht berechnet“[das Schaf]. Es sind falsche Fragen, so wie das genannte Rifugio gar kein ‚richtiges‘ ist: es war stattdessen die Allavena-Hütte, nur dort gibt ’s Bewirtschaftung und Herbergsmutter. Zu erwägen wären Fragen gewesen wie: Wenn mit Sachverstand und viel Glück ein Sonnensegel incl. Wandler, Ladeanschluss und Batterie für 4-500 € organisierbar ist – welche Stromradgruppe bezahlt das dann? Transportiert alles vor Ort und installiert die Akku-Tanke dort? Sind leisetretende Stromfresser besser als spritröhrende Motocrossisti? Fließt Strom aus der Steckdose wie Wasser aus dem Springquell oder wie Benzin aus dem Zapfhahn?
So aber klingen gebräunte Häute, verkratzte Waden, verblockte Köpfe, Pisten voller Bilder, Wege, Panorama, Stille stark nach fern-, strom- und technikgesteuerten Event-Konsumzombies, die sich einen gedankenlosen Luxusritt durch ihren künstlich naturnahen Selbsterlebnispark aus James-Bond-Spielzeugen und Fantasy-Schicksalsbergen leisten. Dass die dabei durchradelten diversen Echtlebenswelten nicht über eine Wahrnehmung als Kulissen und Sportparcours zum Bespiegeln der eigenen Trethilfenherrlichkeit hinauskommen, ist bei einem solchermaßen reduzierten Ansatz ganz logisch und den Stromer/innen weder Mangel noch Problem. Zwischen den Hütten Foto-Objekte und Leistungsmessungen, Herbergen als Akkuladestationen und Verpflegungsdienste – mit der Bergwelt der Alpen allgemein oder wenigstens speziell den Westalpen hat das nicht wirklich zu tun. Ebensowenig mit nachhaltigem, respektgetragenem, interessiertem, sanftem, entschleunigtem oder sonstwie alternativem Tourismus. Axel Klemmers Diktum „Premiumwanderwege sind nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems“[2], gilt abgewandelt auch für solche Mofa-Trails. Was ein Dösgebaddel, was ein Scharpingplansch! Damit ist erkennbar nichts gegen wahre Held/innen des Stromradelns gesagt, die im Liegerad über die Alpen strampeln und ihre eigene, meist noch selbst installierte Solarstromversorgung im Anhängerchen mit sich führen; nichtmal gegen bewusstere und selbstkritischer Mitdenkende, die ihre Akkus tatsächlich nur mit Eigenkraft laden statt die knappen Energien der hier noch Lebenden, Wirkenden und so den Niedergang des bergbäuerlichen Alpenraums durch Verödung, Verbu-schung und Verwaldung einerseits sowie Verbauung, Verwüstung und Ver-spektakelung andrerseits alltäglich mühsam Aufhaltenden abzuzapfen mit einer Selbstverständlichkeit, die Land und Leute für gefällige Service-Einrich-tungen hält. Auf die Haltung kommt’s halt an.
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