Ligurisches Hinterland

1.2.2013 Giorgio LIGURIEN bereisen

Der der Aufbereitung des Liguri-Info Nr. 2 (Mai 2011) vorangestellte Quasi-Nachdruck der kürzlich für Wiki-Voyage verfassten Beschreibung hier in originaler Form und Länge:

Regionen

Es gibt zwar auch Einteilungen, die die Ligurischen Alpen aus den Seealpen ausgliedern, aber der maßgeblichen des italienischen Alpenvereins (CAI) folgend sind die Ligurischen Alpen ebenso wie die Cottischen oder Grajischen Teil der Seealpen. Sie beginnen von Nordwest her mit Vermenagna-Tal und Tenda-Pass und erstrecken sich südöstlich bis zum Colle Cadibona oberhalb von Savona am Mittelmeer. Danach erst folgt der Ligurische Apennin. Zusammen begleiten diese Bergzonen den gesamtem ligurischen Küstenbogen von der französischen Grenze bis zu den Cinque Terre und bilden so auf meist unter 20 km Breite diese einzigartige, gleichzeitig maritime und montane Kulturlandschaft, die im Nordwesten noch ins Alpine hineinreicht. Reisende, die oft nur auf „die Riviera“ fixiert sind und „dem Hinterland“ allenfalls eine Stippvisite widmen, versäumen dadurch nicht nur etwas Sehenswertes oder Interessantes, sondern einen konstitutiven Bestandteil der besonderen Gestalt Liguriens im Ganzen.

Orte

Von der französischen Grenze her ist Ventimiglia die nächstgrößere Küstenstadt, in deren Hinterland sich abrupt die Seealpen erheben und über enge Täler wie Nervia und Vallecrosia erschlossen werden. Dort befinden sich bspw. der von Napoleon geadelte Weinort Dolceacqua, Perinaldo mit seinem Observatorium, das mit vielen Wandbildern regionaler Künstler/innen geschmückte Apricale, die spektakulär gelegene ehemalige Druidenstätte Baiardo, das 1944 von einem schrecklichen Nazi-Massaker heimgesuchte Castelvittorio oder Pigna am Fuße des Monte Toraggio mit seinen Heilquellen. Im Hinterland von San Remo ist v.a. das Armea-Tal mit Ceriana erwähnenswert, einem Musterbeispiel für die typisch verschachtelten Bogengänge der alten Bergstädtchen voller historischer Bauten und mit einer regen Festkultur, angeführt von den überregional berühmten Osterprozessionen und Chöre-Meistersingspielen.

Arma, in früheren Zeiten nur der Hafen der historischen Regionalmetropole Taggia, eröffnet das Argentina-Tal mit Badalucco, Molini und der legendären Hexenstadt Triora bis hinauf an den unüberwindlich erscheinenden Felsriegel mit dem Monte Saccarello im Westen. Beeindruckende Seitentäler wie das der Oxentina kurz vor Badalucco oder der Carpasina über Montalto nach Carpasio mit seinem Resistenza-Museum vermitteln ein facettenreiches Bild des lebendigen Hinterlands. Imperia schließlich, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und an der Mündung des Impero ins Mittelmeer gelegen. bildet einen zunächst noch sanfteren Zugang ins „Entroterro“ mit Borgomaro oder Rezzo, um dann über Pieve di Teco im oberen Arroscia-Tal mit Montegrosso und Mendatica die Almen- und Hirtenzone zu erreichen.

Weitere Ziele

Wenige Kilometer östlich von Imperia folgt die zweite der 4 regionalen Provinzen, über deren Hauptstadt Savona die Ligurischen Alpen in den Apennin übergehen, der die weitere montane Rückendeckung des ligurischen Küstenbogens übernimmt. Der gesamte Kamm ist von Ventimiglia am einen bis Ceparana bei La Spezia am anderen Ende durchgängig bewanderbar und führt als Alta Via dei Monti Liguri (AVML) in rund 40 Tagesetappen über 4 Naturparks und ohne weiteren Stadt- oder Küstenkontakt auf die erfahrungsreichste Weise zu Fuß durch das Hinterland. Größtenteils ist er auch mit dem Mountainbike zu bewältigen.

Hintergrund

Das „Entroterra“ ist im äußersten Westen Liguriens, der Provinz Imperia, noch weithin sichtbar alpin: In Monesi etwa gibt es ein Ski-Gebiet, dort liegt auch der mit 2200m höchste Berg Liguriens, der Saccarello. In den höheren, von kleinen Almen, Kuh- und Schafwirtschaft geprägten Lagen sind zahlreiche hinreichend markierte Bergwandermöglichkeiten verfügbar. Zum Beispiel lässt sich die im noch piemontesischen Viozene endende Grande Traversata degli Alpi (GTA) von dort in 2 bis 3 Tagen ans Mittelmeer weiterführen. In den stark zerfalteten und noch häufig mit wilden Kastanienmischwäldern bewachsenen montanen Lagen wird zwar zunehmend markiert, dennoch bleibt die Orientierung besonders bei Langtouren anspruchsvoll, so dass geführte Wanderungen, die zudem fundiertes Hintergrundwissen zum Hinterland vermitteln, oft die bessere Wahl sind. Auch deutschsprachig gibt es spannende Thementouren, etwa „auf den Spuren der Partisanen“ Geschichte(n) der antifaschistischen Resistenza zu erwandern oder auf alten Handels-, Hirten- und Wirtschaftswegen zu trekken.

Die kolline Zone der Lagen unter 700 m bildet dann den Übergang zur maritimen Welt des Fischens, Segelns und Strandvergnügens. Den typischen Steillagen Liguriens wurde in jahrhundertelanger Handarbeit durch emsigen Trockenmauerbau der Platz insbesondere für unzählige kleine Olivenhaine abgerungen, aber auch unverwechselbare Weine und eine Reihe slowfood-präsidierter Gemüsesorten (wie die lila Artischocken von Perinaldo oder die Weißen Bohnen der Oxentina) werden angebaut. Das hier gewonnene Olio Extra Vergine di Oliva Taggiasca ist eines der weltbegehrtesten in den Premiumküchen und erzielt einen Endpreis von 16 € pro Liter, wobei jeder Tropfen tatsächlich mühselig mechanisch erwirtschaftet wird. Urige Ölpressen, alte Mühlen, malerische Bergdörfer, imposante Kastelle, eine lebendige Festekultur – das Hinterland steckt voller lohnender Ausflugsziele. Im Entroterro Imperias gibt es sogar jedes Jahr im August ein „Wochenende der öffenen Tür“, an denen sich etliche Nahrungs- und Traditionshandwerke des ganzen Impero-Tals beteiligen.

Sprache

Gesprochen wird in der Provinz Imperia natürlich Italienisch sowie der westligurische Dialekt. Dieser hat zwar einen starken französischen Einschlag, dennoch wird Französisch weniger verstanden als aufgrund der geografischen Nähe und sprachlichen Verwandtschaft angenommen werden könnte. Weitläufig um den Saccarello herum ist ohne Rücksicht auf ligurische, piemontesische, savoyische, französische oder italienische Staatsgrenzen das Hirtenland der Brigasker entstanden und in Dörfern, Almen, Traditionen sowie eben als eigene Sprache erhalten geblieben.

Anreise

In die Ligurischen Alpen kommt man gewöhnlich entweder von Frankreich her über Nizza (Internationaler Flughafen, preiswerte Mietwagen) und San Remo z.B. nach Baiardo (Bus von San Remo) oder von Genua/Savona her bis kurz vor San Remo, nämlich Arma/Taggia und von dort aus (ebenfalls per Bus möglich) bis Badalucco, Carpasio oder Triora. Von Norden her lässt sich auch die Turiner Autobahn bis Mondovi/Ceva nutzen, um dann über Ormea und den Colle di Nava etwa nach Rezzo einzureisen. Für Eisenbahn-Fans gibt es die unwiderstehliche Möglichkeit, von Turin und Cuneo kommend die auch als „Zug der Wunder“ vermarktete historische Tenda-Bahn über den gleichnamigen Pass durch’s französische Roya-Tal bis Ventimiglia zu nehmen. Der stilechte klassische Weg zu Fuß kann auf der französischen Seite bei einer der Zwischenstationen begonnen werden, etwa von LaBrigue oder Saorge aus. Beliebte Motorradrouten führen auf den alten Militärstraßen von Mendatica oder Tenda-Pass herein, sind aber nur für geübte Enduro-Biker (und Mountain-Biker) geeignet. Für Straßenmaschinen gibt es im Kurven- und Pässeparadies des Hinterlands jedoch unzählige Alternativen auf einsamen Sträßchen mit überwältigenden Ausblicken.

Mobilität

Wer mit dem Billigflieger in Nizza ankommt, hat vielleicht gleich günstig ein Auto gemietet. Aber auch die öffentlichen Direktverbindungen von dort sind grenzübergreifend und gut. Mit Bus und Zug kommt man leicht in die ligurischen Küstenstädte Ventimiglia, San Remo, Arma/Taggia und Imperia. Auch die Tenda-Bahn nach Cuneo fährt von Nizza aus (und auf einer im ersten Teil anderen Linie von Ventimiglia aus). Die Täler des Hinterlands sind ausreichend mit Buslinien versorgt, deren Taktung allerdings sehr weitmaschig ist, so dass busgestützte Ausflugsplanungen mit einem Blick auf die jeweiligen Fahrzeiten beginnen müssen. Manche schönen Ecken wie etwa das Oxentina-Tal oder die höheren Lagen hinter Triora werden von keinem Bus mehr angefahren und beziehen daraus einen besonderen Reiz. Die Fremdenverkehrsbüros halten in der Regel Fotokopien der Fahrpläne ihrer Linien bereit.

Sehenswürdigkeiten

Alle genannten Bergdörfer und Städtchen weisen die regionstypisch balkonierten historischen Ortskerne auf, die sich so eng, steil und holprig gepflastert um die alten Gebäude winden, dass sie nur zu Fuß zu erforschen sind. Jeder dieser Orte ist eine Sehenswürdigkeit für sich, mit je eigener Note: Apricale etwa hat das Kunstmalerische, Perinaldo das Astronomische, Baiardo das Mystische oder Triora seine Hexen, denen ein eigenes Museum gewidmet ist. Dienstags und freitags werden ehrenamtlich geführte Stadtbesichtigungen im mittelalterlichen Taggia angeboten.

Aktivitäten

Ausflüge zu kulturellen Sehenswürdigkeiten, besonderen Festen oder den zahlreichen Naturschönheiten und Aussichtsgipfeln lassen sich auf eigene Faust sowie als geführte Touren unternehmen. Das Angebot ist vielfältig und reicht von Bio-Exkursionen auf Wölfe-Spuren, Blütensafari oder Geschichtswanderungen über steile Kletter-, rasante Downhill- und normale Fahrradtouren bis hin zu Besichtigungen etwa des mächtigen Dominikanerklosters (Taggia), einer Lavendel-Destillerie (Agaggio) oder diverser ländlicher Museen (etwa für Olivenöl in Badalucco, für Kastanien in Montegrosso). Für Radwanderer gibt es den mit zahlreichen Info-Tafeln ausgestatteten Giro „Valle Argentina: Storia di un mondo tra le Alpi ed il mare„, für Motoristen die Rallye San Remo, deren Oldtimer-Version im Herbst sowie Motorrad-Championate um den Montegrande, außerdem Angeln, Paragliding, Canyoning und Skifahren.

Küche

Im ligurischen Hinterland wird tendenziell mehr Wild statt Fisch gegessen, insbesondere Wildschwein. Auch Pilze, Waldhonig, Schnecken und stellenweise noch Maronen sind typische Spezialitäten. In Badalucco, wo der (gut haltbare) Stockfisch im September sein eigenes Fest hat, ist der Stoccafisso alla baucogna besonders berühmt. Gerühmt werden auch das Brot von Molini, die Gerstenbrötchen von Carpasio, das Fenchelgebäck von Taggia oder die Würste von Ceriana. Eine Besonderheit stellt die Cucina Bianca der nördlichen Almenhöhen dar, die auf hirtenkompatibel schnell und einfach verfüg- und zubereitbaren Gemüse- und Milchprodukten basiert. Von dort kommen auch die Käsespezialitäten Tomé und Bruzzo.

Nachtleben

Im Hinterland geht es beschaulich und arbeitsam zu, entsprechend ist auch das öffentliche Nachtleben eher auf die späteren Stunden der nicht wenigen Großfeste fixiert. Daneben gibt es natürlich die üblichen Musikveranstaltungen von traditionellen Folklore- und Tanzabenden über Rock- und Popbands bis hin zu lokalen Rap- und Discostars. Das zweitägige Druidenfest in Baiardo lockt mit seiner stimmungsvollen Nacht unter freiem Himmel alljährlich im Juli auch die ein oder anderen Backpacker aus aller Welt an, ähnlich das Hexenfest in Triora im August. Im kommunalen „Artamente“ von Badalucco finden des öfteren Vernissagen statt.

[Sicherheit… / Klima…]

Literatur

Werner Bätzing/Michael Kleider: Die Seealpen – Naturpark-Wanderungen zwischen Piemont und Côte d’Azur, Rotpunktverlag Zürich Dies.: Die Ligurischen Alpen – Naturparkwandern zwischen Hochgebirge und Mittelmeer, Rotpunktverlag Zürich

Weblinks

  • [1] / Mountainbike-Tourenbeschreibung zum AVML

  • [2] / Mehrsprachige offizielle AVML-Homepage

  • <[3] / Aktivitäten im Hinterland West-Liguriens

  • [4] / Ligurische Alpen im alpinen Zugang vom Norden


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