Gutenachtgeschichten zwischen Bergen und Meer, Dachsen und Wildschweinen, Siebenschläfern und Waldkäuzen / IVb

23.6.2020 silliguri LITERATUR-Tips aus der Natur

DARK: der alte weiße Mann und SEIN „Herz der Finsternis“

Wo Mbembe mit vollen Segeln ozeanische Weiten und Tiefen im Taufbecken der Modene durchmisst, die sich allen Mitreisenden schmerzlich als blutgeschmierte Mördergrube erweist, lässt Joseph Conrad seinen lässig erzählenden Helden Käpt’n Marlow auf einem Flussdampfer den Kongo aufwärts ins Herz einer Finsternis schippern, die tatsächlich Afrika als den DARK CONTINENT meint, den sich Weiße als irgendwas mit „zurück zu den Ursprüngen, aus der unsere Triebe kanalisierenden Zivilisation in eine Welt, die keine Schranken kennt“ vorstellen, „in der ekstatische Erfüllung und grässlichste Grausamkeit eins sind, ein regelrechter Gang ins Innere der Erde hinunter, ins Totenreich“. Es spricht schon Bände, dass noch 105 Jahre nach Ersterscheinen von Conrads Reiseroman, nämlich 2004 in einer renommiert ausgewählten Reihe großer Romane des 20.Jahrhunderts, ein derart rassistisch und generell vermurkstes Nachwort angehängt wird wie dieses 16seitige Nichts des Urs Widmer, welches bloß um dessen läppischen Kreisel brummt, „dass jedes Leben aus den schreiendsten Widersprüchen besteht und dass keine soziale Organisation verhindern kann, dass wir Menschen uns als einsam und ausgeworfen erleben.“[10] Wie unmaskiert und kümmerlich hier die hochuniversalisierte Hybris ihr herrschaftswehes Herz der Finsternis der Peer Group altweißmännlicher Leidensgenossen öffnet – eine fallanalytische Steilvorlage zur Demonstration des pathologischen Ausblendens eines tatsächlich Afrikas, realer Schwarzer und ihrer Lebenswelten, echter Sprachen und Kulturen, eigener Strukturen und Personen, Flora und Fauna, um so auch von Machtverhältnissen und Rassismus bloß nicht reden zu müssen.

Ein dreiviertel Jahrhundert hatte es gedauert, bis überhaupt mal Eine/r krachend die Axt anlegte an Conrads Literaturdenkmal gewordene Kongoreise, die doch nur um den eigenen reinweißen Bauchnabel kreiste. In seinen „An Image of Africa“-Vorlesungen 1975 an der Uni von Massachusetts verwarf Chinua Achebe, seit 1958 mit seinem Debütroman Things Fall Apart schon als Begründer der postkolonialen Literatur Afrikas geltend, das im Herz der Finsternis gezeichnete Bild – und dessen Autor rundheraus als „einen grundlegenden Rassisten“, der Afrika als „die andere Welt“ wie Requisiten sprachloser subhumaner Dschungelgeister voll dunkler Geheimnisse und Gebräuche inszenierte – „in comparison with which Europe’s own state of spiritual grace will be manifest:“ Dazu zieht Achebe auch Conrads eigenes Zeugnis heran, der von seiner ersten Begegnung mit einem Schwarzen so berichtete: „A certain enormous buck nigger encountered in Haiti fixed my conception of blind, furious, unreasoning rage, as manifested in the human animal to the end of my days. Of the nigger I used to dream for years afterwards.“[11] Und dieses Residuum antischwarzer Antipathie bildete auch die trübe Quelle, aus der Conrad und sein Marlow ihre Weisheiten schöpften und gestalteten, um

sich selbst die beste Erleuchtung zu verschaffen: Das eigentliche Herz der Finsternis.

Freilich ist es ein literarisch gelungenes Buch mit sogar kolonialkritisch lesbaren (fatalistischen) Einsprengseln und einer hübschen Fülle fein beschriebener Details, freilich entwickelt Marlows Monolog beim Warten auf die nächste Tide in seiner allein auf sich selbst bezogenen Abgeschlossenheit einen raffiniert enthebenden suggestiven Sog, dem nicht jede/r den angemessenen Widerstand entgegensetzen können mag. Und doch hat Achebe heute noch recht mit seinem unerwünschten Totalverriss, der wenigstens eine zeitlang allerdings und immerhin jeder kritischeren –zumindest englischsprachigen– Edition Conrads beigefügt wurde. Sehr zurecht markiert Achebes gegenströmiger Essay überdies das unerhörte Auftreten der neuen und selbstbewussten postkolonialen Bewegung auf der bis in die 70er noch blütenweißen Weltbühne universaler Gelehrt- und Belesenheit. Dem sogleich anhebenden Murren des in der Wohltätigkeit und Mühsal seiner „white man’s burden“ verkannten Establishments entgegnete der vielfach preisgekrönte Weltautor, Sprach- und Literaturprofessor in seinen Lectures an der Uni Massachusetts starke Stücke wie dieses:

„Ich habe an keinem Punkt gesagt, Sie sollten aufhören, dem Heart of Darkness künstlerischen Verdienst anzuheften. Wenn Sie das wollen, tun Sie’s. Es gibt da alle erdenklichen gelehrten Lesarten… Und dann gibt es einige Leute, die nie zu überzeugen sind, dass irgendwas damit falsch sei. Was ich jedoch wirklich verlange…: dass meine Lesart direkt neben diesen anderen Lesarten steht… Auch wenn er gute Sätze schreibt, so schreibt er ebenfalls über ein Volk und deren Leben. Und er sagt über diese Leute, sie seien primitive Seelen… Die Afrikaner/innen sind die Primitiven und dann ganz oben befinden sich die guten Weißen. Nun, das akzeptiere ich nicht als Basis für… Als Basis für irgend etwas.“

Wer über ein paar mehr Jahrzehnte politisch und sozial bewusst erlebter und gar antirassistisch engagierter Involviertheit im Leben zurückblicken kann, wird feststellen müssen, dass wir seither mit Aufklärung und antirassistischer Emanzipation (im Sinne auch einer Befreiung des weißen Herrenmenschen von seiner selbstverschuldeten Imperialverblöndung) unterm Strich kaum weitergekommen sind. Jeder Fortschritt hier scheint zwei Rück- und Gegenschritte dort gekostet zu haben – und in den späten 70ern hatte unabweisbar bereits ein veritabler Rollback eingesetzt. Alle 10 Jahre seitdem immer wieder aufs Neue dieselben alten rassistischen Versatzstücke und Denkmuster, Diskurse und Doktrinen, Idiotien und Brandsätze, Zumutungen und Diskriminierungen (von Mord und Totschlag an dieser Stelle gar nicht zu reden)… Ein bisschen umgemodelt stets, ein bisschen aufpoliert und v.a. mit der schweinchenschlauen Unschuld eben erst geschlüpfter Neumodischkeit krokodilslächelnd und als frisch geliftete Morgengabe dargebracht wie das ewig wiederkehrende Murmeltier – geht es frustrierender? Die Probe aufs Exempel made in Germany 1980-1990-2000-2010 findet sich in den Fußnoten[13]. Und 2020 – sind noch die Invektiven des fachfremden Bundes-Afrikabeauftragten im Ohr, wonach der Kolonialismus den dunklen „Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen beigetragen“ hätte oder des Schalker Fußballmäzens und Wurstbarons mit seinem festlichen Klimawandelbegrenzungsrat an Afrika, sich jährlich 20 Kraftwerke bauen zu lassen, „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen und… wenn es dunkel ist, Kinder zu produzieren“; während rassistische Polizeimorde weiterhin ungesühnt bleiben und ein empörtes Geschrei anhebt wegen der Berliner Einführung eines belastbaren Antidiskriminierungsgesetzes gegen institutionellen Rassismus, der ja wohl nicht wahr sein darf. „Deutschland ist nicht die USA, wir haben hier kein Rassismus-Problem in der Polizei“ (meint dessen amtierender Vertretungsapparat, hier in Worten des Innenministers von Ba-Wü) und auch sonst nirgends, woher denn…

Von den ersten im Flugzeug erstickten Rückschüblingen der ‚Asylantenflut’ über bei irgendwelchen Festnahmen oder Einsätzen dubios bis leichterhand Getötete bis hin zum in seiner Arrestzelle verbrannten Oury Jalloh, bezeugen einige Dutzend atemlos Gemachte das Gegenteil. Aber Rassismus? In Frankreich tritt da immerhin noch Prominenz wie Virginie Despentes solchen weißwaschenden Ausblendungen hörbar entgegen: „In Frankreich sind wir keine Rassisten, aber ich erinnere mich nicht, je einen schwarzen Minister gesehen zu haben… Seit 25 Jahren veröffentliche ich Bücher und habe nur einmal die Fragen eines schwarzen Journalisten beantwortet… Das letzte Mal, als jemand verlangte, meine Papiere zu sehen, war ich mit einem Araber unterwegs.“[14] Unversehens taucht so wieder Tißbergers Eingangsfrage auf, ob jener grundlegende und so hartnäckig grassierende subkutane, unbelehrbar bleibende, unterbewusst

als „Wissen“ eingefleischte Alltagsrassismus psychoanalytisch begriffen

werden könne. Jedenfalls kann er auch mit Saids „Orientalism“ begriffen werden, der 1978 den in der Orientalistik grundlegend etablierten ‚Orientalismus‘ als sogenannte Wissenschaft irreversibel entthronte und nur noch als gelehrt bemäntelte Gesamtimagination von bloßen „western concepts of the orient“ dastehen ließ, die so als historischer Diskurs kenntlich wurde aus eurozentrischer Selbsterhöhung, projektiv entlastender Fremderniedrigung, realer Herrschaftsgewalt, paternalistischer Verfügungs- und fraglos vorausgesetzter Definitionsmacht. Ein solcher Orientalismus als Legitimationskonstrukt von Weltbeherrschung und zivilisiert umhegter „Rassismus der gebildeten Leut’“[15] kommt dem von Mbembe beschriebenen imperialen Bewusstsein als „der gewaltige Wille zur Unwissenheit, der sich aber als Wissen versteht“ durchaus nahe. Für solche eher ein- als ge-bildete Klientel stellt auch Conrads Herz der Finsternis ideal erhebendes Lesefutter dar, damit z.B. so Nookes, Tönnies und Scheuers deutscher Länder weiter einen gepflegten Rassismus betreiben können, ohne dies je zur Kenntnis nehmen zu müssen. Wo (wie vom „Ausländermaut“-Verkehrsminister ganz aktuell) über TÜV-Hintertürchen Dekrete erlassen werden, die den Weiterbetrieb von Seenotrettungsschiffen im Mittelmeer blockieren und dadurch direkt zum Ertrinken von Flüchtlingen führen, um D-land (und Europa) schön sauber zu halten, ist natürlich Rassismus am Werk, ganz praktisch und rechtfertigungssideologisch flankierend ebenso. Vorbei? „Ich will sehen,“ sagt dazu die letzten August leider doch zu früh verstorbene Megaschriftstellerin Toni Morrison, „wie ein schwarzer Polizist einem unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt ‚Ist es vorbei?‘, dann sage ich ‚Ja‘.“

Sowenig wie der „Orient“ des Orientalismus irgendwas zu Orient und Orientalen (oder das „Reale“ der Psychoanalyse zu irgendeiner Realität), aber vieles zu weißen Imaginationen in dieser Richtung zu sagen hat – sowenig wird Afrika in Conrads Herz der Finsternis beschrieben. Und umso mehr enthält es nur das armselige Ichichich zum Ruhme des hochtrabenden Dichtenden in seinen tollen Suchen und Strebereien und Selbstfindungen und -bespiegelungen, wie es altgewordene weiße Herren so typisch grade gerne haben. Wer hierzu noch einen weiteren affirmativen Psychoroman lesen muss, greift zu Conrads Buch oder gleich zu sowas: „Ob die anderen Völker in Wohlfahrt leben, ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen… Wir werden niemals roh sein oder herzlos, wo es nicht sein muss. Das ist klar… Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und stets durchgehalten zu haben und dabei… anständig geblieben zu sein,… ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“[16] Wer aber etwas zu Afrika erfahren will, wählt Achebes Gegenroman „Things fall apart“.

Anmerkungen:
[10] Zitiert wurde aus dem Nachwort (S.139) zu Joseph Conrad, Herz der Finsternis, Zürich 2004, in der Reihe „50 große Romane des 20.Jahrhunderts, ausgewählt von der Feulletonredaktion der Süddeutschen Zeitung“.
[11] Die Vorlesungen sind nachhörbar bei Penn Video Productions / Africana Studies (https://web.archive.org/web/20070707134706/http://www.upenn.edu/video/pvp/st-Series_Africana.html#3), die Übersetzungen der ersten beiden Zitate habe ich mir noch gespart. Das längere dritte Zitat im folgenden Abschnitt lautet im Original:I never said at any point that you should stop attaching artistic merit to Heart of Darkness; if you want to you can. There are all kinds of sophisticated readings … and there are some people who will not be persuaded there is anything wrong with it. But all that I’m really demanding, … that my reading stand beside these other readings … Although he’s writing good sentences, he’s also writing about a people, and their life. And he says about these people that they are rudimentary souls … The Africans are the rudimentaries, and then on top are the good whites. Now I don’t accept that, as a basis for … As a basis for anything.“
[12] Und dankenswerterweise dauert es auch nicht so lange wie die ähnlich gestrickten, nur viel schlechter und wie auf einer Zugfahrt von Mailand nach Rom schnell ins Diktiergerät gehechelten Geschwätze eines Énard von der „Zone“ oder eines Pennachi aus dem „Canale Mussolini“, die in den Gutenachtgeschichten IIa bereits rezensiert wurden.
[13] Eine ausführliche Darstellung dieses everlasting Rassismus entlang der Jahresmarken 1980/1990/2000/2010 – kann im Rahmen einer Fußnote freilich nicht geleistet werden. Wer das wünscht, bestellt eine kurze Fachstudie dazu und kriegt sie von mir auch zeitnah zum angemessenen Honorar. Soviel nur eben skizziert: 1980 brütete der gut bestallte BR-Journalist und FJS-Spezi Franz Schönhuber an seinem SS-Bekenntnisbuch „Ich war dabei“, mit dem er im Folgejahr einen Bestseller sarrazinischen Ausmaßes landete und einer rechtsradikalen Partei neuen Typs Geburtshilfe leistete. Seine Republikaner nämlich modernisierten den alten Neonazismus leichten Herzens durch Distanzierung sowohl von einem reduziert begriffenen Hitlerismus als auch vom anrüchig gewordenen Antisemitismus und lenkten die feindbildnerische Aufmerksamkeit bereits in zeitgemäßere neoliberale und kulturalistische Bahnen, in denen der antisemitsche Rassismus der Klientel mittelfristig als antimuslimischer umgemodelt und ausgelebt werden konnte (was der republikanische US-Präsident heute in perfekter Blüte repräsentiert). Ebenfalls 1980 begegnete die US-geschulte Berliner Soz.-Prof. und linksfeministische Aktivistin Dagmar Schultz auf der Kopenhagener Weltfrauenkonferenz Audre Lorde, ist „begeistert und tief berührt von ihrer Lesung und… weiß, dass ich diese Frau in Deutschland haben will.“ Im Folgejahr schreibt sie in der COURAGE (dem befreiungsfeministischen Konkurrenzblatt zu Schwarzers rechts- und bildkompatibel biologistischer EMMA) einen Tagungsbericht „Dem Rassismus in sich begegnen“, in dem sie mehr und überhaupt Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus in Deutschland incl. der Frauenbewegung einfordert, was gerade dort ziemliche Wogen auslöst. Mit dem Orlando-Frauenverlag, dessen Übersetzungen und Veröffentlichungen, Lesungen und Veranstaltungen zu und aus dem Black Feminism in der BRD der postkolonialen Offensive afrodeutscher Frauen das lange überfällige Gehör maßgeblich mitverschaffen, stößt sie auch den Zugang zu den wissenschaftlichen Diskussionen weit auf.
Aber wer hört schon auf die Wissenschaften, wie das aktuell Greta Thunberg wieder so vergeblich fordert? Typen wie Schönhuber hingegen finden mit ihren rassistischen Versatzstücken alle 10 Jahre zahlreicher ihre Mitläufer und -säufer wie gekippter Wein in hippen Schläuchen. 1990 bläst die wiedervereinigt aufgemotzte Volksgemeinschaft schon wieder in aller Breite öffentlich zur Jagd auf „Ausländer“ und „Asylanten“, „Pollacken“, „Neger“ und „Zigeuner“, zur Einstimmung auf den Golfkrieg werden Anfang Dezember Zehntausende „Araber“ und „Kurden“ mit Meldepflichten, Verhörladungen, Arresten und Abschiebungen einem institutionellen Rassismus der staatsterroristischen Extraklasse unterzogen; im Folgenden gehören auch rassistische Morde und Pogrome wieder zu normalen Vorkommnissen, während der im Mai 1990 nach 40 unbehelligten Jahren von Argentinien ausgelieferte Nazi-Verbrecher Schwammberger freigesprochen wird, weil die Richter in seinen Morden nicht genug besonders Grausames, Heimtückisches und Mordlüsternes als erwiesen sehen mochten, frenetisch begleitet und gefeiert von Aktivisten der „Nationalen Offensive“. 2000 beginnt mit dem Mord am Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg der 10jährige rassistische Feldzug des „NSU“, systematisch unterstützt durch Akteure aus staatlichen und politischen Apparaten wie dem Verfassungsschutz und auch nach 5 Jahren Gerichtsverfahren in München mehr vertuscht und geschönt als aufgeklärt und gesühnt; und als im Folgejahr in meiner Geburtsstadt Mareame Sarr von den zu einer „häuslichen Auseinandersetzung“ gerufenen Cops erschossen wurde, die der ihrem Mann angeblich körperlich überlegenen zierlichen 1,60-Riesin auch zu dritt nicht anders hätten beikommen können, war die 26jährige aus dem Senegal bereits die ungefähr 80. der aktuell 160 Einträge seit 1990 auf der noch unvollständigen Opferliste rassistischer Polizei- und Gewahrsamsgewalt der Death in Custody-Kampagne. Sie wollte ihr im Zuge einer Trennung von ihrem Ehemann zu dessen Schwiegermutter nach Köln verbrachtes Kind zurück, von der sie am Telefon zu hören bekam, der Bub sei bei ihnen besser aufgehoben („dann nimmt er wenigstens nicht deine Nigger-Mentalität an“) und sie sei ja noch jung und könne doch leicht ein weiteres Kind machen. Sie war verzweifelt, zornig und hat mit einem Küchenmesser gestikulierend 3 gestandene Mannsbilder auf Abstand gehalten, von denen einer sie kurzerhand abknallte und keiner je belangt wurde. Auf der lautstarken und gar nicht kleinen Gedenkdemo 3 Monate darauf waren nicht viele Weiße zu sehen, auch aus dem Antifa-Spektrum nicht.
2010 hat sich aus gepflegtem Eurozentrismus und eliminatorischem Aktivismus gesamtgesellschaftlich bereits eine rassistische Grundstimmung etabliert, die der unsägliche Sarrazin mit seinem neo-völkischen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ v.a. auf dem antimuslimischen Ticket lagerübergreifend reichseinigend in Form bringt und in deren Folge mit AfD und Pegida Diskurs und Staatsvolk in zuvor ungeahnter Breite erfasst und nach rechts gerückt werden; längst ist der braune Ungeist zu einer rassistischen Massenbewegung angeschwollen, in der sie den Türken nach seiner muslimisierenden Verteufelung auch endlich wieder –rotrotgrün neoliberaldemokratisch abgenickt– „Ziegenficker“ nennen dürfen. In immer kürzerer Folge müssen dagegen immer dieselben alten Aufklärungsbücher gehalten werden, angefangen etwa mit Sows „Deutschland Schwarz Weiß“(2008) über Otoos „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“(2012) über Kaddors „Zerreißprobe“(2016), Amjahids „Unter Weißen“(2017) oder Hasters’ „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“(2019) bis hin zum jetzt auf deutsch erschienenen WINNER OF THE BRITISH BOOK AWARDS NON-FICTION NARRATIVE BOOK OF THE YEAR 2018 – Eddo-Lodges „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“(2020), wobei die Übersetzung von „Race“ als „Hautfarbe“ schon wieder entmutigende Bände spricht über die hiesige Situation, die sich in den vergangenen 10 Jahren sowenig gebessert hat wie in jenen davor und davor und noch mal davor. 2020 hat die rassistische AfD sogar Fraktionsstärke im Bundestag erreicht und gibt Ton und Melodie auch der öffentlichen Debatten zu Flucht, Migration, Islam und Diskriminierung an. Während aktuell massiv rassistische Polizeigewalt gegen hoffnungsfroh tapfer, zahlreich und unterstützenswert gegen rassistische Polizeigewalt Protestierende aufgefahren wird, nehmen führende Linke mit Inschutznahmen „unserer Polizei“ vor dem Vorwurf rassistischer Polizeigewalt schulterschlüssig Platz auf der breiten Couch der neuen weißen Herrlichkeit, wo sich von antimuslimischen Rassisten aus einer sog. antideutschen Linken über links- bis rechtsbürgerliche Zeige- und Mittelfinger gegen Moscheen und Palästinenser bis hin zu Identitären, Pegidiösen und Alternativdeutschen „Neger“- und „Ziegenficker“sager jeder Couleur schon so viele Leitkulturelle recht frei und einig im Abwehren real antirassistischer und postkolonialer Kritik wohlig zusammengefunden haben.
[14] Während Despentes Offener Brief im frz. Fernsehen gleich zu den ersten dortigen Antira-Protesten breit veröffentlicht wurde, strahlte das deutsche genau den rassistischen Bockmist aus, der immer rauskommt, wenn weiße Scharlatane und intellektuelle Hochstapler „über“ Rassismus referieren. Wo’s schonmal um den polizeilich herbeigeführten Erstickungstod des Afroamerikaners George Floyd ging, hatte Maischbergers Redaktion dann aber doch noch geschwind eine New Yorker Germanistikprofessorin zugeschaltet, Priscilla Layne, die mit dem typischen benevolent-paternalistischen Sneer belästigt wurde, wie sie dessen Tod nochmal „besonders berührt“ hätte und was sie von den „nächtlichen Plünderungen“ hielt. Layne kommentierte den deutschen Talk-Spuk hinterher selbst etwas frappiert so: „Ich erkenne nun, dass diese Einladung viel von dem ganzen Bullshit widerspiegelt, mit dem schwarze Deutsche sich auseinanderzusetzen haben.“
[15] Siehe dazu Saids Orientalismus, Ffm 1982 (orig.1978) sowie auch Kultur und Imperialismus, Ffm 1994 (orig.1993); unter „ORIENTALISMUS ist der Rassismus der gebildeten Leut’“ werden meine Alles, was du denkst, ist weiß-Fortbildungen im Internet vorgestellt à http://kurzlink.de/orientalismus.
[16] Aus H.Himmlers (Reichsführer SS) „Ansprache vor höheren SS-Führern am 4.Oktober 1943“, zit. n.: L.Poliakow & J.Wulf (Hg.), Das Dritte Reich und die Juden. Dokumente und Aufsätze, Berlin 1955, S.213ff;

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