Gutenachtgeschichten zwischen Bergen und Meer, Dachsen und Wildschweinen, Siebenschläfern und Waldkäuzen / IVc

12.9.2020 silliguri LITERATUR-Tips aus der Natur

Der DUNKLE KONTINENT im Leichenkeller deutscher Weißheit

„Ich bin Rassist, holt mich hier raus!“ – mit diesem dschungelcampigen Hilfeschrei ganz i.S. der hier vorgetragenen Argumentation machte die neuliche ZDF-Anstalt im Juli auf und relativ mächtig Alarm im Deutschen Haus, was gleich einiges Interessantes aufzeigt. Zunächst ist der Winter schon seit über 5 Monaten vorbei und die zugehörigen Gutenachtgeschichten sind noch immer nicht fertig geschrieben (hier also zum guten Schluss Teil IVc). Außerdem tut sich, wenn schon nicht auf Seiten der herrschenden Gesellschaft deutscher Leitkultur, so doch seitens der nichtweißen Marginalisierten und Untergebutterten des Landes gewaltig etwas laut Vernehmliches, wovon die genannte Satire-Sendung ja ein Reflex ist – und eine schlau und gründlich gelungene Reflektion dazu. Gleichzeitig erhellt aus ihren Inhalten und mehr noch aus den unverändert ewiggleichen Abwehrreaktionen einer privilegierten Mehrheit von rechts bis links das grundlegende Problem eines Deutschlands immer noch ganz „am Anfang der rassismuskritischen Reise“, wie das Aminata Touré so diplomatisch und passend für grüne Landtagsvizevorsitzende ausdrückte[17]. Nur: In diese Richtung wollen die doch gar nicht reisen, erst recht nicht, wenn ihnen dabei irgendwelche dahergelaufenen „Negerinnen“ und „Ziegenficker“ ganz frech mit wissenschaftlichen Fachvorträgen oder menschenrechtlichen Gleichheitsforderungen kommen. Wo kämen wir auch hin, wenn so „Ausländer“ gute Deutsche über ihren Rassismus belehren dürften, institutionalisierten oder strukturellen oder alltäglichen? Am End’ würden noch deutsche Geistesgrößen wie Kant, Marx oder Arendt als rassistisch bepöbelt. Das geht dann doch zu weit – gerade solchen scheingelehrten Geisteszwergen, die sich als Liberale, Linke oder sog. Antideutsche für etwas besser Gebildetes mit eingebauter Lizenz zu Weltführung und Zivilisierungsmission halten; ebenso immun und sakrosankt betreffs rassistischer Anwandlungen wie ihre jeweiligen Säulenheiligen. Und dann setzt Die Anstalt den fulminanten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt von Anfang Juni (und all den anderen in den vorigen Gutenachtgeschichten IVb bereits aufgezählten Zumutungen und Kritteleien) auch noch ihre solidarische Krone auf und stellt Kant, Marx und Arendt mit dero eigenen rassistischen Zeugnissen exemplarisch an den Pranger.

Da war erstmal luftanhaltend banges Schweigen im betroffenen Teil des deutschen Volkswalds, ob die Alliierten zur Corona-Impfpflicht nächstes Jahr nun nicht auch noch Entrassifizierungskurse verordnen würden. Dabei hatte der Innenminister vom gesünderen Teil Deutschwalds seine Ankündigung einer Studie zu eventuellem Rassismus im Polizeikorps längst dementiert, diese hätte es nie gegeben und jene sei eh’ überflüssig, da racial profiling und so Sachen ja verboten seien, mithin auch nicht vorkämen. Der anstaltlichen Aufforderung 7/20 an D-land, sein Rassismusproblem endlich mal anzugehen, blüht nach erster Aufregung angesichts des gutbürgerlich gestählten reaktionären Ressentiments ein ähnlich welkes Ende wie dem nämlichen Appell von Dagmar Schultz 40 Jahre zuvor[13], falls die Rassifizierten nicht selber weiterhin mächtig auf den Putz hauen. Von Rassismus wollen die einigen Deutschen heute wie damals sowenig wissen wie nochmal 40 Jahre zuvor vom Holocaust oder weitere 40 Jahre zurück im Kaiserreich von menschlichen Bedenken gegen ihren Kolonialismus unter der Parole „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, die ein propreußischer Poet der nationalstärkenden Reichseinigung wiederum 40 Jahre vorher schon als „Deutschlands Beruf“ vorgedichtet hat. Das von Mbembe als

„der gewaltige Wille zur Unwissenheit, der sich aber als Wissen versteht“

beschriebene imperiale Bewusstsein lässt einen ernsthaften Gedanken an den Rassismus darin nicht zu, gerade wenn und weil er vernünftig so wenig zu leugnen ist wie etwa die pandemische Gefährlichkeit des Coronoavirus, der bevorstehende Klimakollaps oder der Alkoholimus beim Trinker. Die Rassismusleugnung gehört im Übrigen essenziell zur EUropäischen Gründungsideologie aus abendländischer Gemeinschaftsproduktion, in die gleichwohl und freilich auch sehr spezifische Beiträge aus dem Volk der Dichter und Denker eingeflossen sind. Deutschland hat ja ganz besonders –im Unterschied zu Amerika oder Südafrika und mit Ausnahme der paar Jahre Hitlerdiktatur mit seinem Antisemitismus– noch nie ein Rassismusproblem gehabt. Das Problem hatten stets bloß „die Anderen“[18]. Die in Deutschland bis zur gläubig-verlogenen Rechtfertigung des offensichtlichsten Verbrechens perfektionierte selbstmanipulative Verdrängungs- und Umwertungslügik macht es so wichtig, gerade dort jeden Rassismus beim Namen zu nennen. Damit erst könnte überhaupt eine nachhaltige Bearbeitung des Rassismuskomplexes und so etwas wie rassismuskritisches Nachdenken beginnen.

Uwe Timm hat mit seinem zeitgeschichtlichen Roman Ikarien eine bemerkenswerte Aufklärungsarbeit auch im Sinne einer Befreiung des weißen Herrenmenschen deutscher Nation aus dessen selbstverschuldeter Imperialverblöndung abgeliefert. Er spielt 1945 hauptsächlich in München, aber reicht von dort über das besiegte Dritte Reich und weitere Welt hinaus bis zurück ins spätere 19.Jahrhundert. Erzählt wird von einem deutschstämmigen US-Offizier, der Anfang April als Freiwilliger mit der für „Verhör und Feindaufklärung“ zuständigen Nachrichtentruppe ins Land seiner Kindheit zurückkehrt. Von der Psychological Warfare Division erhält er gleich nach der Kapitulation einen ganz besonderen Auftrag: „Sie sollen nach München“, heißt es auf S.62, „der Mann war 1936 im Gespräch für den Friedensnobelpreis. Fachmann für die Eugenik und Begründer der Rassenhygiene. Keine Befragung der Familie, das ist hoffnungslos. Das sind immer die herzensguten Familienväter gewesen… Unser Dienst hat einen Mann ausfindig gemacht, der einmal mit diesem Doktor in den USA war. Der Doktor ist tot, aber sein Begleiter von damals lebt. Man hat in den Listen nachgeforscht. Den Dienst interessiert, was genau die dort gemacht haben. Auch diese Geheimbünde, die er gegründet hat… Gibt es die noch? Mitglieder? Ziele? Das sind die Interessen vom Dienst. Wir sind etwas feiner. Uns interessiert, wie sich diese Theorie der Rassenhygiene herausgebildet hat. Der Mann hat langjährige Versuchsreihen zur Vererbung gemacht. Doktor Alfred Ploetz. Den Namen schon mal gehört? – Nein.Sir.“ Da hat der Major Engel („Tut mir übrigens immer leid, dass an meinem Namen ein ‚S’ fehlt“) dem Second Lieutenant Hansen den deutschen Rassismus bereits beim Namen genannt und es beginnt des Letzteren Erkundungsreise ins Herz der deutschen Finsternis, in dessen unterster –der tiefsten und ersten– Schicht das von anständigen Bürgern so gelehrt ausgemessene lebensunwerte Leben als körperlich, geistig, moralisch oder sozial unerwünschte Missgeburten massenhaft Vernichteter begraben liegt.

In den See, in den See mit den Ploetzen! Mit einem Gewicht an den Füßen!

Tatsächlich fesseln schon die ersten 60 Seiten mit leichter Hand und quicklebendigen, informationsdichten, aufschlussreichen Miniaturen an den schweren Stoff, so dass auch im Folgenden noch nicht einmal die gehobensten Dialoge und Erzählungen langweilig oder gestelzt daherkommen. In Form der Audioprotokolle seiner Befragungen tritt nun auch Wagner, der ehemalige Freund und Begleiter des späteren Rassehygienikers, auf den Plan und berichtet im Greisenalter aus jungen Jahren mit gemeinsamen Aufbrüchen für eine bessere Welt; und späteren Jahren des Auseinandergangs, die den einen ins Visier der Gestapo und den anderen in die Ruhmeshalle der Nazis führten. Eine dieser langen, von Hansen meist ununterbrochenen Erzählungen, reicht über ihr Objekt –den Ur-Ikarier Marchand– sogar bis 1848 zurück: „Dieser René, müssen Sie wissen, war als junger Mann, als Student der Jurisprudenz, mit der ersten Gruppe der Ikarier 1848 von Frankreich nach New Orleans gekommen. Wir, der Freund und ich, hatten als Vorbereitung auf unsere Erkundungsreise von dem damaligen Aufbruch gelesen. Nach dem Erscheinen der Reise nach Ikarien [von Étienne Cabet] kam es zu einer Massenbewegung. Politisch Enthusiasmierte drängten nach Amerika, wollten dort den Idealstaat aufbauen. Sie verkauften ihre Häuser, Ländereien, Aktien, ließen sich ihre Erbschaften auszahlen und segelten 1848 los, in Richtung Neue Welt,… erwarben von einer Landgesellschaft 50000 Quadratmeter Boden am Red River in Texas, wo sie sich niederließen, in Zelten wohnten… “ – und den Rest müsst Ihr schon selber lesen[19]. Das geht auch recht leicht, bei aller Schwere des Stoffs und Dichte historischer Bezüge, weil das Buch gut ohne bzw. gerade gegen steriles, zu sarrazinösen Karteikartenhäusern aufgestapeltes, seelenlos funktionalisiertes Todeswissen zu verstehen ist – aus dem menschlichen Herzen nämlich, dem „mit jedem Leid der Kreatur ein Riss durch die Welt geht“(435).

Er kann aber auch böse werden, der im Kellerloch versteckte sanfte Antiquar, wie er über den Besuch der Witwe Ploetz im Spätsommer 1944 (ihr Alfred starb ja schon 1940) selbst berichtet: „Nein, diesmal muss die Niederlage total sein, wie der totale Krieg, den die Nazis ausgerufen haben. Nur so könne dieses Gift ausgebrannt werden… Das Gift der erwählten Rasse…(483) Wir sind im Garten Eden der Rassehygiene. Der Übermensch wird gezüchtet, gehegt und gepflegt: Entweder wir lassen unser Mitleid siegen, gewähren den schwachen Schutz und gefährden die Tüchtigkeit und Schönheit unserer Rasse, oder wir halten diese über alles hoch und… was dem nicht entspricht, wird sterilisiert, und der nächste Schritt, für die nutzlosen Esser, die Missgestalteten, die Abnormen, ist der Gnadentod, Kinder eingeschlossen, die… zur Beruhigung vor der Vergasung ihre Spritze mit Morphium-Skopolamin bekommen… Nein, das hat er nie gemacht, aber seit seiner Rückreise aus Ikarien hat er daran gearbeitet.“(486f) Da hat der Wagner dem Hansen zum letzten Befragungstermin mit seinem Ausbruch doch mal ein wenig die Sprache verschlagen. Und Timm ist ein spannender, unterhaltsamer und lehrreicher Roman mit einer Unzahl auch separat stellbarer Geschichten in der Geschichte über die Geschichte gelungen, mit intelligent arrangierten Abwechslungen, überraschenden Wendungen, lustigen Zwischentönen und einer im Deutschen durchaus selten gewordenen Sprachkunst, die von dorther kommt, wo das Herz schlägt. Er ist das schöne Literatur gewordene ‚Prinzip Hoffnung’ des ollen Blochs auf machbare Möglichkeiten einer besseren Welt – ohne und gegen das Rechte.

„Die ganze Rassismusdiskussion hat da ihre Wurzeln, in Ploetz, in der Eugenik“,

sagt Timm in einem Interview vom Juli 2020: „Ganz unten gibt es die sogenannten Primitiven, die gemessen werden an der europäischen Zivilisation. Die werden immer nur an Effizienz und Leistung und Maximierung gemessen, an allem, was sich in der Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft herausgebildet hat. Deshalb werden die dann geprügelt, wenn sie nicht fleißig genug waren, wenn sie nicht pünktlich waren. Darin steckt aber genauso auch eine Ahnung davon, was die Kolonisatoren alles verdrängt haben, was ihnen verlorengegangen ist an Möglichkeiten, an Muße, Lust, an Lebensfreude, an Kreativität.“[20] Durch einen Leichenmeer gewordenen Ploetzensee schwimmt die unverbrüchlich ihrer Utopie folgende Flaschenpost eines Autors, der 1966 in Paris schon seinen Fanon gelesen, begriffen und nie vergessen hat, der 2 Jahre darauf in Hamburg das Kolonialdenkmal Wissmanns vom Sockel reißen half, der später in München vor dem südafrikanischen Konsulat noch mit weniger als 15 Mitstreitenden Mandelas Freiheit forderte – und sich treu wie Wagner geblieben ist: „Braucht es den religiösen Kitt, um eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen? Ich persönlich bin davon überzeugt, dass dies nicht notwendig ist, aber es braucht ein ästhetisch-ethisches Wollen… Man muss sich im Anderen und den Anderen in sich sehen. – Sie meinen: Solidarität. – Ja. Können wir für heute Schluss machen?“(462) Nein, können wir noch nicht, aber gleich. Dass die Waschzettelprosa der Verlagstexte auf den Umschlagseiten über notdürftig getarnten Werbesprech meist nicht hinauskommt, ist ärgerlich und altbekannt. Die zur Taschenbuchausgabe von Timms Ikarien unterbietet das dürftige Maß aber nochmal erheblich, denn aus dem Nachnamen des einen Protagonisten wird derart dämlich ein irrgängiges Praktikantengarn gesponnen, wie es wohl nur aus den 1600 histologischen Hirnschnitten in Ploetzens Schlösschen selbst gewonnen werden kann: „Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners dem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassehygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte.“(2) Da muss sich jemand beim Lesen einige Punsche zuviel aus dem Einlegealkohol genehmigt haben, dermaßen daneben liegt diese Beschreibung. Allerdings: So lässt sich trefflich wohlfeil auch ein Spiegel-Bestseller generieren.

Von Anfang an jedoch, mit dem ewigen Kind Karlchen, das 1000 Jahre lang von den Eltern in der Wohnung versteckt wurde, gehört Timms Buch den als minderwertig Geotherten[21] und es ist sein größtes Verdienst, die Spezifik des Rassismus, wie er im Deutschen groß wurde, wieder in seinem Ursprung im zunächst nach innen gerichteten „sozialen Rassismus“ des auf Auslese höher- und Ausjäte minderwertigen Erbguts einer Gesellschaft zielenden rassenhygienischen Ansatzes kenntlich zu machen. Um 1900 war der gängige Münze im Reich, entscheidend vorangebracht durch Ploetz’ auflagenstarkes Buch Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen (Berlin 1895), mit dem der honorige Arzt den Begriff der „Rassenhygiene“ als deutsche Lesart von Eugenik etablierte. Timm erspart seinen Leser/innen die hässlichsten Zitate hieraus; ich nicht – S.144: „Stellt es sich trotzdem heraus, dass das Neugeborene ein schwächliches oder missgestaltetes Kind ist, so wird ihm von dem Aerzte-Collegium, das über den Bürgerbrief der Gesellschaft entscheidet, ein sanfter Tod bereitet, sagen wir durch eine kleine Dose Morphium. Die Eltern, erzogen in strenger Achtung vor dem Wohle der Rasse, überlassen sich nicht lange rebellischen Gefühlen, sondern versuchen es frisch und fröhlich ein zweites Mal, wenn ihnen dies nach ihrem Zeugniss über Fortpflanzungsfähigkeit erlaubt ist.“[22]

Irgendwo mitten im Roman erzählt sich der im von Hansen requirierten Schlösschen mitwohnende texanische Kollege und mit Feindaufklärung der härteren Praxis befasste Kamerad mal was von der Seele, unser Schlusswort: „Alles, auch das Fürchterlichste, ist nicht nur denkbar, es wurde wahr. The work of the white gods, sagte George, a report from the sanatorium in Kaufbeuren. Not far from here. They’ve killed 1200 there, with injections and with Luminal. They sweetened it with raspberry syrup for the children. When we arrived, almost three months after the surrender, they were still at work. Killing those unworthy of living. Murders by conviction. These Germans make me throw up, and don’t go telling me there are exceptions. Look at them, the death certificates. And this youngster. His crime: his father was a travelling salesman. A gypsy. The kid was fourteen. Never forget his name. Ernst Lossa. Here, sagte George, here’s something to help you sleep. – Leichenschauschein und Krankengeschichte – Zeugenaussage eines Krankenpflegers – Zum Fall Lossa erkläre ich folgendes: Bezüglich des Lossa hieß es mehrfach, daß man ihn nicht brauchen könne(271)… daß dann Kneissler dem Lossa in meiner und des Frick Gegenwart die Spritze verabreicht hat. Nach der Spritze gingen wir gemeinsam weg. Lossa verstarb am nächsten Tag.“(273)

RESULTATE:
TIßBERGER, Dark Continents, Münster 2013 – psychologische Rassismusforschung mit theoretischer Fundierung.
MBEMBE, Kritik der schwarzen Vernunft, Berlin 2014 – historische Rassismusforschung mit theoretischer Fundierung.
CONRAD, Herz der Finsternis, sämtliche Auflagen – Ofen mit anschüren.
TIMM, Ikarien, Köln 2017 – zur antirassistisch Aufklärung oder doch niemals verkaufen.

Anmerkungen:
[17] „Ob auf die Proteste auch Maßnahmen folgen”, sah Touré allerdings als fraglich an. Immerhin sei es ein „gutes Zeichen“, dass „viele Menschen, die sich vorher noch nicht mit dem Thema Rassismus beschäftigt haben“, dies in den Protestetagen nun getan hätten. Die allermeisten davon, soviel muss da schon eingewendet werden, mit dem Ziel, sich selbst und ihresgleichen, Staat und Gesellschaft, Politik und Polizei mit kurzbeinigen Abblock- und Ablenkphrasen nach dem antifeministischen Herrenschnittmuster der 70er Jahre von allem Rassismusverdacht freizusprechen. Auch stramme Linke mit theoretischem Anspruch an irgendwas mit Klassenkampf und Literatur machen da keine Ausnahme; sondern verheddern sich im fachlich faktenwidrigen Trotzsprech oder dem derzeit quer durch den deutschen Volkskörper so beliebten wie debilen „Identitätspolitik“-Bashing – wie etwa Enno Stahl, der sich leider nicht zu behaupten entblödet, es sei „bislang weder bewiesen noch widerlegt“, ob es „einen strukturellen Rassismus bei den deutschen Ordnungskräften gibt“. So ist auch weder bewiesen noch widerlegt, ob er noch Weiß- oder schon Blödmann ist.
[18] Damit sind natürlich die von der Dominanzgesellschaft als „Andere“ Gezeichneten gemeint. Dieser Prozess des „Othering“ ist mittlerweile in der Forschung -sogar auf deutsch- derart umfassend beschrieben, dass er mindestens in Rassismus-Diskussionen mit etwas wissenschaftlichem Anspruch als bekannt vorausgesetzt werden muss. Beispielhaft nachzulesen etwa bei Iman Attia, „Rassismus (nicht) beim Namen nennen“ in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 13-14/2014, S.8-14; hier findet sich gleich zum Auftakt auch der Hinweis auf die Besonderheit, dass bis „in die 1990er Jahre hinein… der Begriff ‚Rassismus’ in bundesdeutschen Debatten primär im Zusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung von Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus, den ‚Rassenunruhen’ in den USA und dem Apartheidregime in Südafrika verwendet“ wurde. Zur Rassismusleugnung als legitimatorisches Essential im EU-Gründungsmythos: Fatima El-Tayeb, „Anders Europäisch“, Münster 2015;
[19] Die Seitenangaben in Klammern folgen der Taschenbuchausgabe 2019, hier S.211f;
[20] Interview in der jungen Welt vom 11.7.20;
[21] Das traf schon im 1.Weltkrieg mit nunmehr tödlichen Konsequenzen die Psychiatrisierten des Kaiserreichs, die gerade in Krisenzeiten mit prekärer Versorgungslage als unnütze Esser, die den tapferen Frontsoldaten (und den ebenso tapferen Daheimgebliebenen) die Butter vom Brot stehlen, in den Fokus gerieten. Unter und in den Anstalten selbst kam es bei drastischen Nahrungskürzungen zu veritablen Reichssparsamkeitswettbewerben, die Mangelkrankheiten wie Typhus und Tbc sowie eigentlich heilbare Infektionskrankheiten wie Grippe mit lethalem Verlauf erzeugten. Bspw. schnellte die Sterberate der Anstalt Tannenhof im westfälischen Lüttringhausen von üblichen 5-7% während des 1.Weltkriegs auf fast 25% hoch und blieb auch während der Weimarer Krisenjahre überdurchschnittlich. Dass darunter bereits aktiv dem Tod überlassene Opfer waren, steht außer Zweifel. 1920 forderten die ehrenwerten Professoren Binding und Hoche mit gleichnamigem Bestseller bereits hochoffiziell Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. 1925 rückte Hitlers „Mein Kampf“ als erste einflussreiche Programmschrift auch die ursprünglich als „fremdrassig“ kategorisierten Juden näher an die Kategorie der „Entarteten“, der bis dato das rassenhygienische Lebensunwert-Verdikt vorbehalten war (abgesehen von Sinti und Roma, die schnell allein wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit den „Asozialen“ zugeordnet wurden). Als 1930 der Partei-Philosoph Rosenberg seinen ebenfalls millionenstark verkauften „Mythus des 20.Jahrhunderts“ veröffentlichte, trafen so Sätze wie „hat sich die europäische Gesellschaft geradezu als Hüterin des Minderwertigen, Kranken, Verkrüppelten, Verbrecherischen und Verfaulten ’entwickelt’“ längst auf breiten Widerhall auch in den kirchlichen Sozialorganisationen. So lud die evangelische Innere Mission 1931 mit folgenden Worten zur „Fachkonferenz für Eugenik“ nachTreysa: „Auf dem Gebiet der Fürsorge für Minderwertige und Asoziale tritt immer bedrohlicher das Problem des Ansteigens… des minderwertigen Bevölkerungsanteils gegenüber dem gesunden in Erscheinung und erfordert eine grundsätzliche Besinnung.“ Schon 1933 wurde das gegen „Entartete“ gerichtete Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses verabschiedet, bevor 1935 das gegen „Fremdrassige“ gemünzte Reichsbürgergesetz folgte. Der Anteil von „Minderwertigen“ im Großdeutschen Reich wurde in Schulbüchern mit 23,6% angegeben (Führerschicht 20%), was bei 78 Millionen Gesamtbevölkerung 19 Millionen Menschen ausmachte. Wer dazu Genaueres wissen will, beachte den 2.Satz in Fußnote [13] der Gutenachtgeschichten IVb.
[22] Ploetz beließ es nicht bei diesem Bucherfolg, sondern wirkte umtriebig weiter für die Rassehygiene: mit Vereinsgründungen, Förderbünden, Text- und Materialsammlungen, umfangreichen Versuchsreihen – besonders erfolgreich dabei war sein wissenschaftliches „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ und dessen von ihm ab 1904 herausgegebene Fachzeitschrift, die die gesamte jüngere Ärztegeneration noch vor dem 1.Weltkrieg erheblich beeinflusste.

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