Querdenkfrontformat – Bildinterpretation frei nach Pelzig
Alle dutzend Jahre gibt’s hier mit einer Bildinterpretation frei nach Pelzig fröhlich auf die Zwölf. „Karneval in Nizza“ hieß das 2014, „Querdenkfrontformat“ ist es 2026 – und beides leitet gleichermaßen launig ein: „Bilder sagen mehr als 1000 Worte“ ist einer der zahlreichen Dummsprüche für Hirntote, die sich mit solchen und anderen Unsinnigkeiten wie „Kindermund tut Wahrheit kund“, „in vino veritas“ oder „Ausnahmen, die Regeln bestätigen“ als Philosoph/innen aufspielen. Tatsächlich schwächt jede Ausnahme die zugehörige Regel statt sie zu bestätigen. Und was kläglich Besoffene oder vorlaute Kinder daherplappern, sind nicht Wahrheiten oder auch nur irgend etwas von inhaltlichem Belang, sondern rauschinduziert verkorkste Gefühlsausbrüche bzw. trübe Echos ihrer kinderstüblichen -meist väterlichen- Meinungsführer. Dass Bilder mehr als 1000 Worte sagten, ist ebenso hirnrissig – es sei denn, wir gingen vom unterirdischen Gebrabbel konsumverblödeter Zombies oder den seichten Klingeltönen im Polit- und Marktsprech aus: DA sagen 1000 Worte in der Tat noch weniger als Null und das ist ja nun recht leicht zu toppen.
_________Also: BILDINTERPRETATION! Was sehen wir hier? Kuunst ist das jdf. nicht, was da im Querformat reklamiert wird, auch wenn es erst mal so tun mag – eine kreischend bunt zusammengetackerte Grafikmontage in Farben so grell, dass sie das Südseeinselgepinsel des begnadeten Gauguin heraufbeschwören könnten, wenn sie nicht gleich dem zweiten Blick sich als dem Genre fadenscheiniger Werbeflyer zugehörig zu erkennen gäbe, die billige Fakes wie sensationellste Preisausschreiben, Kreuz- und Kaffeefahrten oder Schlagersternchen-Gigs zur Abmelkung naiver Gemüter anpreisen. Was Anfang Juli hier so knallbunt als „Mercatino di Vignai“ plakatiert war, dekoriert mit hitzesommerlich verlockenden Wassermelonen(1) und Buzzwords wie „prodotti locali“(2), „cantare la natura selvaggia“(3) oder gar „agroecologia“(4), enthielt substanziell nichts von dem, was die dilettantisch hingeschüttelte Wundertütenpropaganda da zu versprechen schien: Dass in Vignai irgendwo Wassermelonen angebaut würden, zeigt bereits, für wie dämlich diese Leute jene Anderen halten, denen sie was verkaufen wollen. Weder waren irgendwelche realen Residente di Vignai dabei noch war es überhaupt ein „Markt von Vignai“, sondern lediglich einer, der IN Vignai vor einem eher selten besuchten Ferienwohnsitz stattfand, wo eine sektenähnlich esoterische Besserwessi-Clique sich selbst befeierte. Der zugehörige Gartenbau liegt längst brach, es gab also auch keine lokalen Produkte außer als kilometerweit entfernten Schwindel, vielleicht das Olivenöl von einem Ölbauern talabwärts, der schonmal sogar Freund/innen noch lampante als extra-vergine Qualität verkauft hat, versehentlich, logo.
_________Da passt ins Bild, dass auch die „Agrarökologie“ verwurstet, vernutzt und verzerrt wird: passend zum Programmauftakt („Qi Cong“-Gesundheitsübungen) als „Gesundheitsvortrag“ im Kontext von „Ernährungsdichte“[X] und „wie die Bodengesundheit die öffentliche beeinflusst“. Eine dermaßen um ihren emanzipatorischen oder auch revolutionsperspektivischen Antrieb entkernte Agrarökologie ist herrschaftsdienlicher Analogkäse und wird so selbst Teil des neokolonialen Vereinnahmungsbetriebs. Und weiter geht die wilde Show singend und tanzend im Ringelpiez mit Anfassen auf LaLunaViajera-Mondreise „per cantare la natura selvaggia“ – von und mit Leuten, die eine alteingesessene Witwe wegen Jagdhundegebells belästigen oder wie die letzten Spießer/innen jeden Samstag ihr Auto oder Motorrad schön an der Straße posierend blankwienern und auch sonst noch jeden möglichen Meter zu Fuß vermeiden, wenn’s doch mit Motorkraft geht (anstatt etwa überflüssige Kilometer dann eben zu unterlassen). Sie sind dermaßen wild und Natur, dass sie schon ein entlegenes kulturelles Kleinod wie Vignai für unbewohntes und zur fraglosen Vernutzung offenes Freiland halten; oder, wie die beiden Verantwortlichen, eine Tanzparty am Strand während des harten Corona-Lockdowns für irgendwas in dieser Richtung (das gab erwartbarerweise saftige Geldstrafen, aber wie das bei so Schwurbler/innen immer ist: schuld war nicht die eigene Dummheit, sondern stets wer anders, hier die Angesagtes vollstreckende Staatsgewalt). Und -darunter tun sie’s nicht- gleich „verso nuovi mondi“, die sich alle irgendwo befinden mögen – nur nicht auf dieser einen Welt, um deren Rettung und Befreiung aus solchen Verheerungen und Ausbeutungen doch radikal rustikal mit allen Mitteln und Kräften gekämpft werden müsste.
_________Was blieb für Vignai, nachdem die „birds of prey and passage“[Y] abends am 5.Juli 2026 endlich abgezogen waren? Abgeplünderte Aprikosenbäume und Lavendelsträucher, soweit die übergriffigen Hände eben reichten. Und ein trotziger Funken Hoffnung, dass die Nuovimondisti auf dem Mond oder in einer ihrer vorgetanzten neuen Welten genug verlassene Beutegründe für ihre Selbstmarktpartys finden und Vignai fürderhin verschonen mögen. Der fromme Wunsch erfüllt sich jedenfalls dieses Jahr wohl doch noch nicht – im Oktober soll die Show schon wieder steigen, die hier keine/r will. „Den neuen Kolonialismus in seinem Lauf hält halt weder Ochs‘ noch Esel auf“, war im letzten Newsletter[*] dazu bereits zu lesen. Mit einem dem Wörterbuch einer längst als patriarchale Gewaltsprache des maskulinen Herrenrassenregimes demaskierten entsprungenen „Continuano a conquistare“ erobern nun auch solche, die sich für doch was Anderes, Besseres halten, „Provinz um Provinz“. Solche Vögel kommen dann aus Metropolen wie z.B. Paris oder München angeschwirrt in der einzigen Absicht, „irgendwas mit Natur“ hier aufzuziehen und den von anderen zuvor bereiteten Boden schweißlos auszubeuten. Es erinnert stark an die invasiven „Greif- und Zugvögel“ des E.Burke in seiner 1783er Parlamentsrede zu Fox‘ East India Bill, in der er den ausufernden Kolonialismus in Britisch-Indien aus Sicht der Ausgebeuteten als „wave after wave … an endless, hopeless prospect of new flights of birds of prey and passage, with appetites continually renewing for a food that is continually wasting“ anprangert. Die „betrübliche Tatsache, dass sich solche als Naturwilde verkleidenden Snobs mit ihrer Trittbrettfahrerei jetzt auch schon in Vignai breitmachen und z.B. als Säulenheilige einer Human Intelligence-craft inszenieren, als ob die Leute hier blöd wären und nur darauf gewartet hätten, von derlei schweinchenschlauen Tricksern und Täuschern, Schwätzern und Blendern wachgeküsst, vernetzt und sauber über den Kirschholzlöffel balbiert zu werden“, berichteten wir bereits vor 2 Jahren.[**] „Unsere Wandermärkte erobern weiterhin die Provinz Imperia! Monat für Monat öffnen uns Freunde die Türen ihrer ländlichen Höfe [jeden ersten Sonntag…] Und das ist noch nicht alles: Am zweiten Sonntag im Monat geht der Markt in der Provinz Savona weiter! Das Tolle daran: Er wächst. Folgt uns, um die Standorte der nächsten Märkte zu erfahren“[Z], heißt es aktuell auf der Facebookseite der Konquistadora in passend triumphaler Kolonialherrlichkeit.
_________BILDINTERPRETATION! Was sehen wir hier also nicht, jdf. nicht auf den ersten oder auch zweiten Blick? Was hinter dem ganzen Buhei steckt und wie dieses Wachstum konkret aussieht, wird am Beispiel Vignais genau in Analogie zum oben von Burke bereits im 18.Jahrhundert umrissenen kolonialprofitgetriebenen Kapitalismus am deutlichsten. Antikoloniale Lesarten auch heutiger Globalrealitäten sind somit erkenntnisträchtiger geblieben, als es die hochgejazzten Flachförmelchen dieser ganzen selbstgestrickten Inkompetenzzentren zusammen mit aller gebündelten Human Intelligence-craft ihrer sämtlichen Annalenen bis Zampani selbst in Summe je geworden sein werden. Angesichts der Herausforderungen von oben nebst einer bloß oberflächlich untiger gelackten herrschaftskompatiblen Pseude-Alternative (die in Wirklichkeit vom selben Ausbeutungsinteresse wie „die Großen“ motiviert ist) bleibt die von Burke bildsprachlich erhellend aus Sicht der Ausgebeuteten so gültig auf den Punkt gebrachte Ausgangslage weiterhin ungelöst spannend, hier nochmal auf deutsch: „Welle um Welle … die endlose, hoffnungslose Aussicht auf neuerliche Flüge von Greifvögeln und Durchzüglern, mit ständig sich erneuerndem Appetit auf ein Futter, das ständig weiter verloren geht.“ Im Vorfeld einer früheren Auflage dieses übergriffigen Events hat ein auswärtiger Deutscher den mal als „immerhin besser als diese Rallye da“ verteidigen wollen. Ganz im Gegenteil, Sir. Mal verbindlich gefragt, welcher der beiden Events, den der nuovomondistischen Greifvögel oder jenen der alteingefahrenen Rallye-Sanremo-Durchzügler/innen die Vignaioli lieber nicht mehr veranstaltet haben wollten – DIESE Wahl fällt mit mehr als absoluter Eindeutigkeit auf Erstere.
________________________________________________________________________ANMERKUNGEN:
[X] Mit „Ernährungsdichte“ soll der Agrarökologie in diesem entpolitisierenden Zugriff oberflächlich eine hohle Ersatzkonzeption zur Seite gestellt werden, wie das originalerweise vom tatsächlichen Konzept „Ernährungssouveränität“ geleistet wird, dessen wirtschaftsförmiger Ausdruck eben die Agrarökologie ist. Wer sich von solcher Fadenscheinigkeit hinters Licht führen lässt, die eine rein gesundheitstechnische „densità nutritiva“ -in tertiärer Linie selbstverständlich Element agrarökologischer Wissenschaft und Praxis- zum handlungsleitenden Nonplusultra der Agrarökologie aufblasend umfälscht, ist sehr zu bedauern. Es ist die organische Einheit von Ernährungssouveränität, die die wichtigen Fragen stellt (Wer kontrolliert die Produktion? Wie können Gemeinschaften selbst entscheiden? Was ist zu transformieren?) und Agrarökologie, die sie emanzipatorisch und praktisch (auch in politischem Aktivismus und sozialen Kämpfen) beantwortet. Beides -E wie A- entwertet der verkürzte „Ernährungsdichte“-Ansatz (der nichts als Nährstofftabellen für individuell gesunde Mahlzeiten draufhat) – ebenso wie „Ernährungssouveränität“ auch in der von Meloni gern gebrauchten nationalistischen Verhunzung entwertet wird, was ihr beim faschistischen Instrumentalisieren linker Konzepte im Erfolgsfall des angezielten Stimmenzuwachses aber völlig bewusst kein Kopfweh bereitet.
[Y] „Mr. Burke’s speech, on the 1st December 1783: upon the question for the Speaker’s leaving the chair, in order for the House to resolve itself into a committee on Mr. Fox’s East India Bill“ ist original nachzulesen IN: „The digital collection“, Eighteenth Century Collections Online, University of Michigan Library (https://name.umdl.umich.edu/004807298.0001.000) – wie überhaupt die lebhaften Parlamentsprotokolle insgesamt oder speziell Burkes Reden in kundig editierten -originalsprachigen- Ausgaben hervorragende Quellen zur politischen, englischen und globalen Geschichte darstellen (wenn nicht vergessen wird, dass in dieser neuzeitlichen „Wiege der Demokratie“, die bis heute über eine konstitutionelle Monarchie nie hinausgekommen ist, auch weit über Burkes Lebzeiten die ‚Political Nation‘ mit freier Rede, Presse, Meinungsstreit auf eine soziale Elite von höchstens 200000 Besitzenden, d.h. Wahlberechtigten und deren politischer Öffentlichkeit beschränkt war).
Der legendäre Redner und Orientalist alter Schule nahm also den den kolonialen Zugriff rhetorisch-ideologisch begleitenden „benevolent paternalism“ als substanzielle Verpflichtung todernst. Schon zu seinen Zeiten war er damit eine politische Minderheit, die Modernen interessierte an solchem Wertwortgeklingel ausschließlich die profitdienlichste Funktionalisierbarkeit – wenn sie über solche Sentimentalitäten nicht gleich offen in Gelächter ausbrachen. Freilich ist der alte Orientalist nicht minder kolonialistisch oder rassistisch als der neue oder auch der ‚den Orient‘ komplett verachtende moderne Imperialist – er ist das beides ebenso (gleiches gilt übrigens für männlichen wie klassistischen Dominanzanspruch), nur etwas anders. Bei aller Gemeinsamkeit im weißen Weltbeherrschungspersonal gab es da zugleich mitunter erhebliche Unterschiede, die bei Burke auch im buchstäblichen Sinn todernst genommen wurden, als er etwa dem britisch-indischen Kolonialoberverwalter W.Hastings (selbst Orientalist ‚alter Schule‘) wg. dessen „verbrecherischer“ Amtsführung das wohl spektakulärste „Impeachment“ der Weltgeschichte anhängte – was bei einem Schuldspruch zum Todesurteil geführt hätte.
Das oben erwähnte „Gelächter“ bezieht sich auf eine Szene aus eben diesem Prozess, als der Ankläger das ehrenwerten indischen Frauen durch Hastings‘ Kolonialmacht zugefügte Leiden so empört schilderte, dass nassforsche jüngere Abgeordnete ihrem herrenrassistischen Ressentiment frech lachend freien Lauf ließen, denn wie könnten solche Minderwertigen schon als Subjekt moralischer Anerkennung oder humanen Respekts gelten? Wer mehr zum Orientalismus in seinem vielgestaltigen Werden wissen will, findet unter „Orientalismus ist der Rassismus der gebildeten Leut‘“ erste Orientierung. Speziell zum Hastings-Impeachment siehe das Kapitel EAST INDIAN CHAOS: FINANZKRISEN, LÖSUNGSVERSUCHE, FRIEDENSRHETORIK in: Jürgen Krämer, Pax Britannica in Indien – Legende und Wirklichkeit kolonialer Penetration;
[*] Liguri-Newsletter #64 (August 2026); der vierteljährliche Newsletter ist über die Homepage auf bekanntem oder ansonsten leicht auffindbarem Weg hier als Gratis-Abo bestellbar.
[**] Nämlich im Liguri-Newsletter #56 (August 2024); Von Anfang an haben sie -in Nuancen jeweils manchmal unterschiedlich- sich mit Vollgas den verdienten Ruf selbst geschaffen, z.B. andrer Leute Eigentum fraglos einfach zu nehmen bzw. zu nutzen (hier ein frei zugänglicher Backofen, dort ein Obstbaum, da stehende Kanister, woanders rumliegendes Bruchholz) und Grenzen nicht zu respektieren (private Parkplätze zugestellt, fremde Unterstellkammern belegt)… – und im Protestfall wurde hochbeleidigt statt nachdenklicher Entschuldigung die Schuld selbstverständlich komplett der Boshaftigkeit der Vignaioli zugeschoben. Außer dem Hauskauf mit längst brachliegenden Gartenbau-Terrassen haben die beiden Hütchenspieler mit „di Vignai“ schlicht nix Gutes zu tun, auch nach ihrer Scheidung nicht, wo sie trotz getrennter Wege und Wohnungen geschäftlich immer noch gut kooperieren, zum Glück sind sie nun seltener vor Ort. „Birds of prey and passage“ eben, wie Burke das koloniale Übergriffswesen der „East India Company“ so schön beschrieben hat – und damit gleichzeitig die Unmöglichkeit benannte, ein solches Übergriffswesen mit reeller Erfolgsaussicht auf irgendeine Einsicht in das Unrecht seines Tuns auch nur hinweisen zu können.
[Z] Eig. Übers., zit. nach deren Facebook-Selbstbeschreibung. Die Behauptung, „Monat für Monat öffnen uns Freunde die Türen ihrer ländlichen Höfe“ ist ebenfalls Falschgeld. In Vignai öffnet diesen beiden Pseudo-Vignaihis niemand die Türen irgendwelcher ländlichen Höfe, um bei „unseren Freunden einzukaufen, die mit Leidenschaft anbauen, pflegen und gestalten“, und von den 12 bis 24 immer noch dort mit Prima oder Seconda Casa eingetragenen Residente will keine/r viel mit denen zu tun haben. Wer davon öfter in Vignai sich aufhält, wäre meist gar froh, wenn sie ganz weg blieben. Ist bloß oft zu höflich, das auch auszusprechen.
LiguriBlog
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.