Arturo *85., Gutenachtgeschichten zwischen Bergen, Meer, Dachsen, Wildschweinen, Siebenschläfern & Waldkäuzen / VI

30.1.2026 silliguri LITERATUR-Tips aus der Natur

„Arturo, il pomeriggio è troppo, Arturo, e lungo per me“ – Mitte Februar geht’s wieder los mit dem Sanremo-Liederfestival, dessen Premiere vor dann genau 75 Jahren stattfand; das wird auch höchste Zeit in all der Düsterkeit, hat aber gar nichts mit dem Folgenden zu tun[0]. Lange nämlich war nichts mehr zu hören oder zu sehen im Blog aus unserer literatürlichen Gutenachtgeschichten-Reihe und manche mögen sich schon gefragt haben: Ende Gelände mit „Und ja: Wir lesen auch Bücher – und besprechen sie sogar“? Da sind wir (d.i. Giorgio und Silvia und zusammen sind wir Grüne Matrix, klingt erstmal komisch… ist aber so) aber immer noch und dürfen 2026 sogar das neue Jahr mit einem literarischem Jubelwummsgetöse einläuten, das allen feste die Ohren auswäscht.
_________Vor 85 Jahren also wurde die epische Theaterwerdung sämtlichen faschistischen Grauens vom Anfang bis zum Ende aller Zeiten geboren: Arturo Ui aus der spitzen Feder Bert Brechts setzte an zu seinem Weltbeherrschungsfeldzug, bis heute ungetoppt gültig beschrieben im Parabelstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im Exil fertiggestellt, mag es zunächst sowieso keinen Aufführungsort dort gegeben haben, aber auch nach Beendigung des 1000jährigen Reiches quälte sich Brecht bis zum Tod mit Zweifeln an der Freigabe seines Stücks aufgrund von Zweifeln an der geschichtlichen Reife des deutschen Publlikums für seine grelle „Historienfarce“. Erst 17 Jahre nach Abfassung gab es -posthum- eine Uraufführung (Premiere war im Nov.1958 in Stuttgart) und tatsächlich erhob sich sogleich ein Chor entrüsteter Heuchler/innen, der die tragische Größe jüngstdeutscher Vergangenheit auf das Niveau einer ausländischen Gangsterstory herabgezogen sah – und mehr noch sich echauffierte über Brechts Moral von der Geschicht‘ mit den hellsichtig aktualisierenden Schlusszeilen „Sowas hätt‘ einmal fast die Welt regiert! | Die Völker wurden seiner Herr, jedoch | daß keiner uns zu früh da triumphiert – | Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Das Stück selbst entlässt den vom Kleinkriminellen zur reichsweiten Nr.1 Aufgestiegenen 1938 auf dessen vorläufigem und bereits weit über die engen Landesgrenzen hinausweisendem Höhepunkt durch die gewaltsame Annexion Österreichs (d.i. die nächstgelegene Großstadt „Cicero“); Arturo Ui hat alle kleingeistig auf lediglich Chicago beschränkten heimischen Konkurrenten ausgeschaltet und mit der expansionistischen Probe aufs Exempel gegen Dullfeets (Dollfuß, genau) Cicero gleich darauf den Panthersprung zur Weltmächtigkeit erfolgreich durchgetestet. Er lässt sich am Ort seines Triumphes, visionäre Großraumherrscher-Reden[1] schwingend, sogar noch erwählen, während im Hintergrund letzte Murrende niedergeschossen werden.
————————————ARTURO UI zum 85.: Jetzt neu inkarniert – das absolut Böse in frischer Gestalt!
_________Die grotesk dramatisierte Verknüpfung der Lebensläufe und Aufstiegsgeschichten Hitlers und Capones im Arturo ermöglicht die Fokussierung der kriminellen Dimension des Faschismus und seiner organischen Verbundenheit mit der Wirtschaft im Kapitalismus in Brechts Absicht, „die großen politischen Verbrecher, lebendig oder tot, der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen.[…] Dieser Respekt vor den Tötern muß zerstört werden.“[2] Das in deutscher Vergangenheitsbewältigung so schön ins abnorm Unbegreifliche Entrückte wird ohne Weichzeichner und Nebelwerfer ins gleißend aufgedrehte Bühnenlicht gezerrt und darin kenntlich in all seiner bösen Banalität als ziemlich normales Geschehen in von Beginn an „mit dem Browning“ regierten und gelegentlich mit ‚Freedom & Democracy‘-Reklame gloriös übertünchten modernen Welten, in denen Privatprofite, Marktgesetze und Stärkerenrechte kriminell vereint vorrangig gelten. Verdrehte Klassiker-Anspielungen und Nazi- wie Verbrecherlumpen, die in fünffüßigen Jamben deklamierend dahersülzen oder auch -rumpeln, erhöhen den erkenntnisdienlich zurschaustellenden Verfremdungseffekt noch bis zur Preisgabe der dahinter nurmehr nackten Lächerlichkeit – wenn’s bloß nicht so ein gewaltig blutiger Ernst würde. Erst in den 80ern übrigens hat die (west)deutsche Literaturforschung so richtig angefangen, Brechts erfolgreich umgesetzte Intention zu notieren, „die Normalität des Faschismus dadurch zu unterstreichen, daß ein nach historischen Fakten gezeichneter und ökonomisch motivierter Gangsterkrieg als Vorlage für die Analyse einer politischen Karriere tauglich ist“.[3]
_________Und nicht bloß dieser einen politischen Karriere, wie Wahrheit Ehre wieder gebend anzufügen wäre. Denn am grundlegenden Problem, dass der Kapitalismus nicht nur den Krieg in sich trägt wie die Wolke den Regen, sondern ebenso den Faschismus, hat sich ja bis heute nichts geändert. Es werden bloß die Rechtfertigungsideologeme dünner und dümmer bis über die Grenze zur Beleidigung der Intelligenz gelegentlich verbliebener kritisch mitdenkender Menschen hinaus – nicht nur, aber sehr speziell auch in jenem das Land der Irrlichter und Krummdenker gewordenen Jauchepfuhl, der nur noch hohlsprechfähige Ungetüme und Buzzword-Spuckomaten wie Scholz, Baerbock, Lindner oder Merz hervorbringt und sich die Welt von solchenen Unterirdischen zurechtlügen lässt. Selbst die aktuell realsten Arturo-Ui-Figuren direkt vor der Nase erkennen sie nicht mehr, weil diese ja schon Hunderte von Metern lang vorneraus gewachsen ist: den cisatlantischen Koksclown von Kiew („Wer den Führer der freien Welt vermisste – er hat soeben gesprochen, Heil Ukraine“, so dessen Fan R.Kiesewetter) z.B. oder die transatlantische Blattgold-Ausgabe des neoliberal-faschistischen Führers 3.0 als bis zur Selbstzerstörung unumschränkt herrschendes Maga-Gaga des Erdballs (Lediglich „mein eigener Sinn für Moral, mein eigener Verstand, das ist das Einzige, was mich stoppen kann“, so D.Trump über sich selbst). Und das, wo sich das Deutsche auf seinem jahrzehnte-„langen Lauf zu mir selbst“[4] sonst doch alle Nase lang irgendwo auf der Welt nach Belieben einen neuen Hitler gebastelt, erblickt und ausgebuht hat von Belgrad über Bagdad bis Bjöngiang, nur um davon abzulenken, dass die eigene täterwegsperrende Entnazifizierung und opferentschädigende Vergangenheitsbewältigung substanziell tunlichst vermieden wurde. Wer schon immer nie begriffen hat, wie zur Hölle ein ganzes Volk christlich-abendländischer Höchstkultiviertheit sich einstmals in grad 6 Jahren so nazimäßig bis zur Weltkriegsgeilheit auf’s Nachhaltigste hat crazifizieren lassen können, kann der statt verantwortungsbewusster Wiedergutmachung betriebenen und jetzt zum krönenden Abschluss kommenden Wiedergutwerdung des Deutschen auch ganz aktuell erkenntnisfördernd bei der finalen „Drecksarbeit“ zugucken, mit der sie genauso legalistisch wie die Altvorderen ihre sprachregelgeklitterte Autokratie durchdrücken (mit fettem Finger „die Anderen“ denunzierend); nach innen rassistisch gegen diesmal Muslime und Prorussen keine staatsterroristischen Bekämpfungsmittel scheuen (ihren Faschismus bei Bedarf als Antifa maskierend); nach außen Kriegsfortsetzung statt Friedensverhandlungsbeginn in der Ukraine sowie in Gaza Genozid mit Waffenexporten und mehr unterstützen (Dissens mit maximalem Geschwurbel -mal gibt’s hier gar keine Faschos, dann wären dort aber alle Faschos- und Zensorik bis Sanktionen zubetonierend); oder die Steuergelder in weltkriegsvorbereitende Aufrüstungs- bzw. auch klimakollapsbeschleunigende Frackinggas- und andere Projekte versenken (dafür müssen eben Sozialausgaben, Arbeitsrechte, Umwelt- und Klimaschutz fallen).
————————————ARTURO UI zum 85. – Wieder einer: ‚Der aufhaltsame Aufstieg‘ alla transatlantica
_________Da hat der Brecht schon rechtgehabt mit dem tiefen Zweifel an der geschichtlichen Reife des deutschen Publikums für seinen „Arturo Ui“ – und behalten bis in die Gegenwart. Ende der 60er, durch die 70er und auch noch bis in die späteren 80er hat es zwar ein paar verheißungsvolle Aufbrüche gegeben (z.B. inspirierte die „Der Schoß ist fruchtbar noch“-Warnung ebenso wie das verlogene „Freiheit und Democracy“-Mantra 1980 die quer durch die BRD ziehende Straßentheaterkampagne gegen die Kanzlerkandidatur des der Nazigeistesverwandtschaft beschuldigten F.J.Strauß, die Brechts 1947 -zur Anprangerung der unter falscher Demokratisierungs-Flagge von den USA in der BRD real betriebenen Restauration faschistischer Strukturen- entstandenes Langgedicht „Der Anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ als aufsehenerregenden Polit-Umzug inszenierte), aber ach – zuwenig, zu schwach, um dauerhaft Zeichen zu setzen. Diesen optimistisch bewegteren vielleicht 20 Jahren folgte ziemlich rasch „wiedervereinigt doppelt doof“ die „moderne rotgrüne Restauration deutscher Herrlichkeit im Weltmaßstab“[5], was die Ära-Merkel nur noch souverän ins Ziel zu steuern brauchte. Das attestierte Ende der Wiedergutwerdungstherapie des Deutschen im neoliberal-faschistischen Block an der Macht mündet nun zum III.Mal in Weltkriegsvorbereitung und Ertüchtigungsterror, in Militarismus und Rassismus, in Autokratie und Planetenplünderung, Kolonialismus und Imperialismus (wenngleich diesmal nicht ganz aus der Pole Position, was aber in globalisierten Zeiten im Rahmen transatlantischer Familienzugehörigkeit und bei erreichter Vollmitgliedschaft im weißen Wertewesten weniger wichtig ist, zumal auf europäische Ebene heruntergebrochen). Mit CoViD wurde die flächendeckende Entrechtungstoleranz der Bevölkerung geprobt, mit der „Zeitenwende“ Kriegsertüchtigung statt Klima- und Sozialpolitik durchgezogen, mit umfassendem Israel-Support beim Genozid in Gaza wird Völkermord zu „Antifa“ sprachumgeregelt und allen Ideen einer gerechten Weltordnung (mitsamt zarter Ansätze dazu wie der UN) die Arschkarte gezeigt. In den AGRÖK-Vereinsnachrichten sinnierten wir zu Neujahr in einem ganz anderen Artikel, der u.a. Rumpelstilzchen ARTURO UI zum 85.: Jetzt neu inkarniert - das absolut Böse in frischer Gestalt! thematisierte, hinsichtlich der nächstbevorstehenden Inkarnation des ultimativen Bösen wie folgt: „In Wahrheit ist nicht Rumpelstilzchen das ‚lächerliche Männchen‘, als das es die Gebrüder Grimm vor über 200 Jahren hingestellt haben; sondern solche kaiserlichen Hohlsprechautomaten sind es, deren gespreiztes Gelaber sie –außerhalb der eigenen Blase– mit beinahe jedem Wort Lügen straft und sie doch ernstlich so tun, als ob sie glaubten, frau merke deren nackte Notdurft nicht.[…] Gerade im Deutschen gebiert sowas am Furchtbarsten ‚lächerliche Männchen‘. Einen industriell kolonialrassistischen Gernegroß mit Pickelhaube, Rasselsäbel und kolossalem Barte; einen industriell massenvernichtungswahnsinnigen GröFaZ mit noch lächerlicherem Outfit; da mag frau sich gar nicht vorstellen, wie der dritte in der Reihe gas- und genickschussheldischer Weltkriegsführer aussehen wird, den das Herrenvolk gerade ausbrütet. Weniger wie Friederich ze Merzman wohl, der nach einem Jahr schon durch scheint; eher transatlantisch wie der drüberstehende Wüterich.“[6]
_________Uffa, damit sind wir wieder im Ligurischen mit sonnenklarem Blick auf’s Mittelmeer (rechts), den Monti Faudo & Follìa links und den waldigen Bergstock des Ceppo (ganz links hinten hoch); und damit kurz vor’m eingangs genannten Lieder-Festival. Im Vorjahr bereits warnte da R.Benigni bei seinem kurzen Gastauftritt -ziemlich weitsichtig und wohl zutreffend- vor Trumps Einverleibungsinteresse an Ligurien: „Er verfolgt das Sanremo-Festival von Mar-a-Lago aus mit Elon Musk und der roten Mütze mit der Aufschrift ‚Make Sanremo Great Again’… Er sagte, nach Grönland möchte ich noch Ligurien… und wenn wir es ihm nicht geben, werden sie 200 % Zoll auf ‚Trofie al Pesto‘ erheben“. Das mit Grönland ist zum Glück noch nicht eingetreten, aber wer mag sich schon darauf verlassen, dass dieser Goldlöffelmundgeborene Ligurien tatsächlich erst NACH Grönland fressen würde. Der tapferen letztjährigen Kandidatin Elodie (12.Rang) lassen wir das letzte Wort. Als sie auf einer Pressekonferenz dort gefragt wurde, ob sie eventuell mal für Meloni stimmen würde, antwortete sie in schon diogenöser Schönheit kurz & klar: „Nichtmal, wenn sie mir die Hand abhacken“.
_______________________________________________________________A N M E R K U N G E N :
[0] Zum letztes Jahr bereits gelaufenen 75.Festival siehe den Blogeintrag hier ==> https://wwwebworks.net/2025/02/26/sanremo-festival-trotz-knicks-noch-stil-und-haltung/ | A.Celentanos „Azzurro“ war dort allerdings nie im Wettbewerb, obwohl er mit 3 oder 4 Teilnahmen zu den häufigsten Gästen im Ring gehörte und auch -als führender Vertreter der URLATORI, so eine Art „Neue Wilde“ des leichten Liedes, die mit inbrünstigem Geschrei Spontanität & Emotion im Vortrag verstärken wollten- durchaus stilbildend wirkte. Ein derartiger „Schreier“ in D wäre, nach langem Grübeln, vielleicht allenfalls C.Anders mit seinem wahnsinnig köstlichen „Ein.Sam.Kaheit!“. Celentano, der olle Klassenkämpfer und getreue Ehemann, hat aber doch einmal den begehrten Sieg in Sanremo ersungen, 1970 im Duett mit seiner Frau Claudia Mori und dem beredten Titel „Chi non lavora non fa l’amore“.
[1] Die von Trump, der ohne seine gräßlich aufgefönte Tolle (in derselben polit-neurotischen Alleinstellungssymbolabsicht) sowenig zu denken ist wie sein Vorglanz Hitler ohne das Gasgrabenbärtchen, kürzlich wieder scharfgemachte Monroe-Doktrin von 1823, wonach es großraumbeherrschende Vormächte mit dem selbstverständlichen Recht gebe, ihre jeweiligen Hinterhöfe in Ordnung zu halten, hatte auch in D ihre Fans; nach der Österreich-Annexion 1938 z.B. den NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, der sie 1939 in seiner Rechtfertigungsschrift „Völkerrechtliche Großraumordnung und Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ zentral heranzog und besonders Monroes Kopplung des Hegemoniesicherungsrechts für großraumbeherrschende Stärkste an eine Interventionsverzichtszusage in anderen Großräumen (wie z.B. Europa) hervorhob. Wie die Monroe-Doktrin diente auch die (völkisch aufgeladene) Neuauflage Schmitts einer hinterhöfigen Expansionslegitimation als großräumige Vormacht, die -zur Beruhigung eben der Kollegen- Interventionen in anderer Herrscher Großräume ausschlösse. Wenn jemand Gründe für die lange US-Absenz hinsichtlich antifaschistischen Engagements gegen das III.Reich sucht, mag er/sie an diesem staatsrechts-philosophischen Gentlemen’s Agreement mit Aussicht auf Erkenntnis gewinnbringend ansetzen. Interessant in unserem Zusammenhang ist aber v.a., dass der aktuelle Arturo Ui genau diese „raumfremden Mächte“ (Russland und China in seiner Vorstellung) und deren unterstellte Interessen an Grönland (und Venezuela) herausgreift, um das zu tun, was die verbündeten Weicheier nicht fertigbringen: nämlich den ihm zustehenden Großraum vor Interventionen raumfremder Mächte durch militärisch gestützte Regierungsübernahmen dort zu schützen. Das ist MAGA, das ist gaga – aber ‚Hitler von Washington‘ traut sich trotzdem mal wieder keine/r zu sagen.
[2] Das „Arbeitsjournal“ Brechts bildet mit beiden Bänden (Ffm 1973, Bd.3 „Anmerkungen“ folgte 1974) eine wahre Fundgrube an Zeitzeugnissen: vom eigentlichen Erarbeitungsprozess epischen Theaters in komplexer Gruppendynamik über Reflexionen zu Werkproblemen, Einflüssen, Rezeptionen, Inspirationen bis hin zur Sammlung verwendbaren Dokumentarmaterials in Form von Zeitungsausschnitten, Schlagzeilen, Fotos, kurzen Notizen, spotlight-artig erhellenden Berichten, ganzen Aufsätzen… Die so entstandene Ereignisse in Europa und der Welt umfassende Collage „zwingt Widersprüche ins Bild und bietet eine einzigartige Inventur der Zeit“, heißt es bei O.F.Best dazu[3]. Für den Arturo Ui relevant ist Bd.I „1938 bis 1942“, Ffm 1973; Das Zitat stammt allerdings aus: Brecht, „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe“ Band 24 (Schriften 4./Texte zu Stücken), S.11-23, Ffm 1991 – und weil’s, Brechts Ansatz veranschaulichend, gar so schön ist, hier der Auftakt von DIE POLITISCHEN VERBRECHER DER LÄCHERLICHKEIT PREISGEBEN in voller Breite: „Man hört heute ganz allgemein, es sei unstatthaft und aussichtslos, die großen politischen Verbrecher, lebendig oder tot, der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen. Selbst das gemeine Volk, hört man, sei da empfindlich, nicht nur weil es in die Verbrechen verwickelt wurde, sondern weil die Übriggebliebenen in den Ruinen nicht über derlei lachen könnten. Auch solle man nicht offene Türen einrennen, da es deren in Ruinen zu viele gäbe; die Lektion sei gelernt worden, wozu sie jetzt den Unglücklichen noch einreiben? Sei aber die Lektion nicht gelernt, sei es gefährlich, ein Volk zum Gelächter über einen Machthaber aufzufordern, das es ihm gegenüber sozusagen hat an Ernst fehlen lassen, usw. usw.“ – Wer das vertiefen will, findet eine in Texten und Bildern sehr instruktive Aufführungsbroschüre als PDF unter ==> https://www.berliner-ensemble.de/download/document/6715 | Wer bei alledem sogleich an C.Chaplin und dessen ureigene Arturo-Verwurstung im grotesken „Great Dictator“-Film (Premiere Okt.1940) denken muss, ist dabei gar nicht schief gewickelt. In der Wahl der künstlerischen Mittel, aber auch der Intention und dem politischen Ansatz gibt es unübersehbare Parallelen. Chaplins erster Tonfilm war ein Publikumserfolg mit klarer Stoßrichtung auch gegen die USA und deren Militarismuskumpanei in Form der bis weit in die 40er hinein im Apparat vorherrschenden Unlust, mal antifaschistisch gegen ihre Zunft- und Rassegenossen da drüben tätig zu werden, die schließlich auch erfolgreich antikommunistische Drecksarbeit leisteten. Gerade in dieser Frage entfachte der Film beträchtlichen Kritik- und Diskussionsdruck aus der Bevölkerung. Allerdings kostete dieser Erfolg Chaplin aus denselben Gründen auch einen Großteil seines ökonomischen Netzwerks, das überwiegend die konservative Auffassung teilte, es schicke sich nicht, die großen Töter so der Lächerlichkeit preiszugeben (sofern sie westlichen Regierungen oder auch eigener Klasse & Master Race angehörten). Als Brecht, der zentral ebenso für den „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“-Film von 1932 steht („Es bedeutet keine Herabsetzung des Kollektivs, wenn ‚Kuhle Wampe‘ als Brecht-Film bezeichnet wird. Die aus seinem Arbeitskreis hervorgegangenen Mitarbeiter waren Parteigänger der Ästhetik Brechts, die er –und darüber besteht kein Zweifel– als Primus inter pares entwickelte“, betont Filmwissenschaftler W.Gersch), mal nach Regie-Vorbildern gefragt wurde, gab es für ihn „nur zwei große Regisseure und der andere ist Charlie Chaplin.“ Um freche Antworten auf obszöne Fragen nie verlegen, wie die Kuhle-Wampe-Gerda auf jene eines solchen reichen Pinsels, wer denn sonst statt der Wohlhabenden die Welt verändern könne: „Die, denen sie nicht gefällt.“ Zum 70.Todesjahr ein feuerrotes R.I.P. an dieser Stelle; Brechts lyrischer Grundsatz „Alle großen Gedichte haben den Wert von Dokumenten“ wird beispielhaft auch vom im weiteren Textverlauf erwähnten „Der anachronistische Zug Oder Freiheit und Democracy“ von 1947 umgesetzt (und ist ungekürzt nachlesbar bei ==> http://www.rosalueste.de/open2.htm);
[3] K.Baumgärtner & M.Prill, „Brecht/Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ IN: Kindlers Neues Literaturlexikon, Studienausgabe Bd.3, S.76f, München 1988; O.F.Best, „Brecht/ Arbeitsjournal“ IN: Ebd., S.76;
[4] Prototypisch für Anfang und Ende grüner (aber auch andersfarbig langweilig schillernder) Selbstfindungstripper/innen: J.F-ich-ich-ischer, „Mein langer Lauf zu mir selbst“, Köln 1999, deren bauchnabelbezogene Horizonte ihre narzisstischen III.Wege doch meistens auslaufen lassen ins Olivgrüne industrialisierter Massenvernichtungen zwischen Weltkrieg, asozialer Ausbeutung, globaler Planetenplünderung, Staatsterror und Genozid; Wo Antifaschismus marktstaatsdienstbar und von seinen Befreiungsgehalt bereinigt ins ‚kapitalistische Töter-System‘ (frei nach Papa Francesco) eingemeindet wurde, werden schon durchgestrichene Hakenkreuze als verbotene „Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ beknüppelt und strafverfolgt (sofern es gegen antifaschistische Echtlinke ging), während offen mit Führergruß, Wolfsangeln, Thor-Steinar-Jacken, SS-Runen oder 14/18/88–Codes gewaltsam bis zum Mord auftretende Faschos auf Kiews Maidan oder am Stahlwerk Mariupols seit bald 13 Jahren mit „Heil Ukraine“-Rufen zu irgendwie demokratischen Freiheitshelden umdefiniert werden. Ausführlicher hierzu ==> kurzelinks.de/kwfdw
[5] „Rotgrün bedeutet Krieg nach außen und Polizeistaat nach innen“ war schon 1999 im hier zitierten Demo-Flugblatt zu lesen. „Gelb“ kamen später zur Ampel kardinal noch Rotstift und Moratorien bei Sozialklimbim bzw. Klimaschutzmaßnahmen hinzu.
[6] Diese „Vereinsnachrichten“ sind logischerweise zahlenden Mitgliedern von AGRÖK/Verein zur Förderung agrarökologischen Denkens, Handelns und Wirtschaftens weltweit vorbehalten. ==> http://agrarökologie.info | Und wem sich beim „Wüterich“ nach alledem nicht dieser Teufel mit den 3 auftoupierten goldenen Haaren in den Sinn drängt, der auch schon grade noch bis 14.Juni unter 80 ist, dem will zum lächerlichen Hynkel dessen weltkriegsordensgleich wie eine Monstranz vor sich hergetragene anachronistische Gasgrabenbart genausowenig einfallen – so marshmallow geht’s in jenen Hirnen bereits ab. Mit Chaplins Tramp-Bart hat das alles nichts zu tun.


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