Die uneindrückbare Brücke des Pasquale Passarelli

24.8.2026 admin LIGURIEN bereisenNewsletter & Technix

Die letztes Jahr [das war 2018, denn hier handelt es sich um die nur leicht -mit eckigen Klammern oder kursiv gekennzeichnete- aktualisierte Neupublikation eines offenkundig supernachhaltigen und v.a. auch sonst soo schönen Artikels aus dem 34.Newsletter namens „DAS PREISE-DING und die uneindrückbare Brücke des Pasquale Passerelli“] tödlich eingestürzte Autobahnbrücke bei Genova musste noch niemand auf der Fahrt über Milano her zu uns passieren, die ligurische Hauptstadt wird nämlich beim Einzweig westwärts auf die Aurelia-Strecke deutlich links liegen gelassen, ganz passend für die hochgeehrte Medaillenträgerin des antifaschistischen Widerstands im 2.Weltkrieg. Über weit mehr als 7 Brücken und durch ebensoviele Tunnel geht es dann bis Arma/Taggia, dort runter von der Autobahn bis fast ans Meer nach Arma, wo um diese Zeit Kinderkarneval und Kite-Surfing Hochzeit feiern, schließlich 2x links ins Argentinatal wieder hinauf.
__________Am nördlichen Ende des alten Taggias befindet sich schon die nächste nennenswerte Brücke, „il ponte antico“ mit ihren 16 romanischen Bögen über die Argentina, die seit der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts über 5 Säkula nach und nach den sich ändernden Flussläufen folgten. Die im Deutschen nicht selten als „antik“ und „römisch“ missverstandene Brücke ist also nicht nur als kontinuierliches Bauwerk ein Historikum, sondern auch als Zeugin natürlicher Umweltdynamik und kultureller Anpassungsgeschichte – mit ihrer flussbettnah auf- und mittlerweile schon wieder abblühenden Blumen- und Gewächshauswirtschaft bis in moderne Zeiten. Sie verbindet überdies 2 exemplarische Patrizier-Vorstadtvillen, nämlich Curlo und Ruffini, die eine ziemlich zentrale Rolle u.a. im italienischen Risorgimento spielten. Die Veilchenstadt hat überhaupt eine derartige Dichte an Kunstschätzen und Kulturdenkmälern, Geschichtsträchtigkeiten und Gegenwartskontrasten aufzuweisen wie sonst keine Stadt an der ganzen Riviera di Ponente. Nichts davon ist tote Musealität oder ausschließlich klerikal, die Verzahntheit mit der säkulären Sphäre patrizischer Herrschaft, frühbürgerlicher Betriebsamkeit oder auch militärischer Aktivität wird hier architektonisch fassbar anhand zahlloser Palazzi, Familienvillen, Turmhäuser, Bastionen und Tore, die alle ihre eigenen Geschichten zu erzählen haben, von Sarazenen-Gefahr über französische Revolution bis hin zum ebensowenig unblutigen Risorgimento. Wer sich beeilt [bzw. früh im Jahr unterwegs ist, z.B. im Februar], könnte sogar im Rahmen des Patronatsfests San Benedetto noch in den Genuss hübsch kostümierter Umzüge und historischer Vorstellungen im Gedenken an die erhörten Gebete Taggias kommen, von den Savoyern in deren kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Genua nicht schon wieder zusammengekloppt zu werden.[1]
__________Sputen müssen wir uns jetzt jedenfalls auch, um noch die Brücke talaufwärts Richtung Badalucco und kurz davor links ins Oxentinatal hoch zu schlagen, denn dort hinter ungefähr 7 Bergen, eng gekuschelt an den Bergstock des Monte Ceppo, liegt unser Vignai mit seinen 7 noch einigermaßen ganzjährig es bewohnenden Zwergen.[2] Der Brückenschlag ist nicht schwierig, handelt es sich bei der heute zu Baiardo gehörenden Ortschaft doch um eine Gründung auf Initiative der Taggieser Mönche, die während der Kreuzzugszeiten erhöhten Bedarf an Bauholz für die vermaledeiten Flotten hatten. So wurden im früheren 13.Jahrhundert jenseits der Olivenhaine auf fast 800 Höhenmetern Holzfäller angesiedelt, samt Kastanienterrassen zur Ernährung ihrer Familien. Ursprünglich lag das Dorf weiter unten an der Oxentina, aber 200 Jahre später war es -nach verheerendem Erdrutsch- schon oben auf dem Sporn, wo es mitsamt seiner Madonna della grazie felsenfest bis heute steht. Das Ende der lieblichen Olivenzone ist beim Überqueren der Nove-Vene-Brücke, Oxentinazufluss aus den Bergen und zugleich Gemarkungsgrenze zwischen Badalucco und Baiardo, geradezu augenfällig, denn da beginnt der dunkle Wald und im Winter bleibt dort ein Schneefall auch mal liegen, während er hüben gleich beim Landen schon wegtaut.
__________Mit dem gelungenen Partisanen-Coup vor 75 [nun 82] Jahren an der Vessalico-Brücke, von wo auch unser slowfood-präsidierter Knoblauch stammt (siehe voriger Newsletter) und der legendären Brücke des Pasquale Passarelli, der diese vor 35 [nun 42] Jahren über für den Ringsport unglaubliche eineinhalb Minuten lang gegen seinen japanischen Finalgegner bis zum Schlussgong halten konnte und damit als erster Italo-Pfälzer[3] Olympia-Gold im griechisch-römischen Stil errang, haben wir nun auch die 7 Brücken voll und können das Ding mit den Preisen ansprechen, was bei uns im Rahmen von AGRÖK (Verein zur Förderung agrarökologischen Denkens, Handelns und Wirtschaftens weltweit) sowieso Vereinsspenden und Mitgliedsbeiträge sind. Bevor uns da im durchaus und hauptsächlich idealistischen Wirken ökonomisch die Existenzsicherungsbrücke allmählich doch eingedrückt wird, haben wir nun auch die letzte Stufe unserer teuerungs-, gebühren- und steuerdruckbedingten Tarifanhübe für Übernachtungen gezündet, die ab Oktober greift. Um bspw. bei RBNB einfach nur die endlich -wie in all den vergangenen Jahren stets hinterherhinkend- mal angepassten realen 55 Öre pro Nacht zu erhalten, müssen wir dann schon gut über 90 brutto rechnen, denn inzwischen gehen für RBNB und Meloni bereits über 40% ab – und mit der nur scheinbar abgeschafften Servicegebühr für Buchende geht noch eine versteckte Gebührenerhöhung zusätzlich einher, weil in Wirklichkeit WIR jetzt die bisherigen Prozente für die Gäste mitbezahlen und bei dieser Gelegenheit UNSERE Service-Abgabe hintenrum erhöht wird. Es bleibt knifflig im Leben. Beachtet und nutzt daher bei Bedarf unsere gelegentlichen Sonderangebote, denn billiger wird’s nimmer! Newsletter Lesende sind da klar im Vorteil.
________________________________________________________________ANMERKUNGEN:
[1] Es kursiert eine Jahreszahl 1625 für etwas in der Art eines „kleineren (was freilich immer relativ, doch für die blutig bis tödlich Betroffenen furchtbar absolut ist) Schlachtgeschehens“, die sich aber nicht erhärten lässt (da wurde nur erstmals die Zelebration durchgeführt). Wenn nicht rundheraus eine Art Kriegsgeschichts-Potpourri des 17.Jahrhunderts dargestellt wird, handelt es sich bei der Realvorlage am Wahrscheinlichsten um ein Belagerungsscharmützel im Rahmen des Kriegs um Montferrat (wiederum im –erweiterten– Rahmen des 30jährigen Krieges in Europa), der 1617, Savoyens Ansprüche auf den mit Genua verbündeten Montferrat zurückdrängend, mit dem Frieden von Paris endete. Da Anlass der 400jährigen Feiertradition eben das Verschontbleiben Taggias von größerem Schlachten bildete, erscheint es plausibel, dass erfolgreiche lokale Verteidigungen wüste Plünderung oder Zerstörung aufschieben konnten, bis es dann 1617 mit etwas Diplomatie oder purem Glück ohnehin zum -bald wieder verschlissenen- Friedensschluss der übergeordneten Mächte kam.
[2] Von diesen 7 sind inzwischen einige schon tot (r.i.p.) und unterm Strich kam nicht viel Gutes nach – aber das ist eine andere Geschichte, die auch im aktuellen Newsletter grade mal wieder tangiert wurde. Dessen Bestellung ist piepeinfach und vollgratis: Hier klickend zur Homepage, dort Klick auf KONTAKT links in der Navigation und eMail mit „Her mit dem Newsletter!“ im Betreff.
[3] Die 3 Passarelli-Brüder schrieben nicht nur Ringer- sondern auch exemplarische Migrationsgeschichte. Die Eltern, eingewandert in den frühen 60ern mit dem 6jährigen Pasquale wurden erst in den 70ern Deutsche, um gerade diesem das Mitringen um die Landesjugendtitel zu ermöglichen. Der sagte auch später zu seinen internationalen Erfolgen immer wieder, „gefragt, als was ich mich fühle, ob als Italiener oder Deutscher. Ich habe gesagt: als Pfälzer.“(ZEIT-online-Interview, 13.2.13). Nun ist dem Olympiasieger von 1984 im Alter von 61 Jahren doch noch die Brücke eingedrückt worden, unsportlich zwar, aber gültig: Nachdem er 8 Monate in U-Haft verbracht hatte, wurde er jetzt erstinstanzlich zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt – wegen Beihilfe zu Drogendelikten (es ging um 850 Cannabispflanzen, die 2 Kumpels –63 und 70– von ihm angebaut hatten). Nun ja: noch nicht völlig gültig, denn Berufung ist möglich; beide Schulterblätter haben knapp, aber nicht ganz die Matte berührt; 2024 hat es tatsächlich ein BGH-Revisionsurteil mit teilweiser Aufhebung durch Zusammenfassung und Neubewertung diverser Einzeltaten gegeben, über dessen konkreten Inhalt (Freispruch, kürzere oder längere Bewährungsstrafe, Einstellung, Geldbuße, Entschädugung?) gut rechtsstaatlich nichts bekanntgegeben wurde. Die ursprüngliche Bewährung war da eh schon längst gelaufen, was also der Sinn des Ganzen sein sollte (samt dem Mysterium drumrum). 2026 durfte der unbekannt Verurteilte jedenfalls wieder im Olympia-Tross der Deutschen mitreisen. Nach eingedrückter Brücke sieht das alles nicht aus.

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